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Wie man verzeiht – Verzeihung ist (un)möglich

Verzeihen ist ein spitzes Wort, um zu wirken müsste es rund sein. Man muss die in Ungnade gefallene Person doch nicht mit der Verzeihung erstechen. Wahrscheinlich haben die Menschen, als sie dieses Wort erfanden, an Rache gedacht und wollten größer als sie selbst sein, um den anderen in ewiger Schuld weiterleben zu lassen, die Worte niemals lösen können.

Man kann nicht verzeihen, das wäre eine Geste der Überheblichkeit. Man müsste sich nämlich 100% sicher sein, dass der andere falsch liegt, dafür fehlt uns doch allen die „Von-oben-Sicht“, die man nur einem Gott zusprechen könnte.

Warum wir dennoch versuchen zu verzeihen

Man sagt, beim Verzeihen geht es nicht um den anderen, sondern um uns selbst. Wir sollen uns von dem Leid erlösen, dem anderen etwas nachzutragen – ein egoistisches Motiv. Der andere ist und bleibt der Böse, aber wir sind uns zu schade, uns für seine Bosheit zu bestrafen. Nur leider ist das nicht so einfach. Der Satz „Ich verzeihe dir“ ist machtlos gegen all die Gefühle, die uns zu dem Gedanken lenken, überhaupt jemandem verzeihen zu müssen.

Wahrscheinlich existiert das Gegenteil von Verliebtheit, wo beide Partner einen Glücksrausch erleben, wenn sie einander sehen. Das wäre ein Rausch von Leid und Wut, wenn wir dem Bösewicht unseres Lebens gegenüberstehen. Es gibt Kurse über das Verzeihen, Meditationen und Ratgeber, doch das geballte Gefühl, das bei diesem Anblick hochkommt überwältigt alle mentalen Techniken.

Wir haben uns getäuscht, wenn wir enttäuscht werden

Der Drang zu vergeben folgt oft einer Enttäuschung. Einer Enttäuschung, dass derjenige/diejenige nicht so ist wie wir es gedacht oder gehofft hatten. Wir glauben oft mit einer göttlichen Kreatur zu kommunizieren, die einfach perfekt ist … bis sie einen Arschlochzug ausführt (aus unserer Sicht).

Das ist hart, jetzt müssten wir eigentlich zugeben, dass wir uns getäuscht haben und genau das können wir nicht vergeben. Dass der andere uns zeigt, wie sehr wir uns geirrt haben. Weil wir uns Illusionen gemacht, die Wirklichkeit ignoriert und eine eigene Welt um eine andere Person aufgebaut haben, die nie tatsächlich existiert hat. Der andere kennt diese Idealwelt nur aus unseren Vorwürfen, wenn er/sie sich „daneben“, also neben unserem Idealbild, verhält.

Natürlich sehen wir so, was wir uns sehnlichst wünschen und deswegen anderen Menschen andichten, aber auch wie sehr wir bereit sind uns zu täuschen. In der Hoffnung, dass unsere Wunden geheilt und Bedürfnisse erfüllt werden. Grundsätzlich hat kein Mensch eine Chance diese zu erfüllen, weil sie unrealistisch sind, man kann höchstens „nicht so schlecht“ abschneiden. Eine milde Enttäuschung ist aber immer inklusive.

Wie man verzeiht, vielleicht …

Verzeihen ist schwer. Es ist unmöglich wenn wir glauben, der andere sei Schuld. Weil wir es doch selbst sind, die uns mutwillig getäuscht haben, der andere hat nur mitgespielt, vermutlich hat er sich auch in uns getäuscht. Das Einzige was uns vielleicht helfen könnte ist zu erkennen, dass diese perfekte Person sich nicht plötzlich in ein Arschloch verwandelt hat, sondern dass sie so nie existiert hat.

Wenn nicht verzeihen, was dann?

Dem perfekten Bild können wir nicht vergeben, weil es niemals so handeln hätte dürfen. Dem vorhandenen Menschen dahinter könnten wir doch verzeihen, wenn wir sehen, dass er den Anforderungen nie gewachsen war und wir ihn in ein unfaires Spiel verwickelt haben. Und was ist mit uns selbst? Uns selbst müssen wir nicht vergeben. Nur erlauben zu sehen, wonach sich unser Innerstes sehnt in dem, was wir auf andere Menschen als Idealbilder projizieren.

Vielleicht können wir dann erkennen, wer die Person hinter unserem Bild ist und ihr eine Chance geben. Dann wird das Verzeihen unnötig, weil wir uns keine Enttäuschung zuziehen müssen.

 

 

9 Comments
  1. Ignotus W. James

    Januar 20 14:39

    Das war..in einer Weise erleuchtend, die ich gar nicht angenommen hatte. Jetzt bin ich sehr von mir selbst verwirrt.

  2. bT!NA

    Januar 23 11:10

    Eine ganz komplexe Thematik großartig analysiert! Dieses Post zwingt uns zum Nachdenken…. DANKE für Deinen Beitrag!
    Mit lieben Grüßen, bT!NA

  3. Jurek Molnar

    März 1 15:37

    Das sind sehr interessante Gedanken. Mir ist vor kurzem dies untergekommen:

    https://www.randomhouse.de/Buch/Verzeihen/Svenja-Flasspoehler/DVA-Sachbuch/e329606.rhd

    „Verzeihen heißt dem Wort nach: Verzicht auf Vergeltung. Wer verzeiht, bezichtigt nicht länger andere für das eigene Leid, sinnt nicht auf Rache oder juristische Genugtuung, sondern lässt es gut sein. Aber wie ist ein derartiges Loslassen möglich, das weder gerecht noch ökonomisch noch logisch ist? Lässt sich das Böse verzeihen? Führt das Verzeihen zu Heilung, gar Versöhnung – oder ereignet es sich jenseits allen Zwecks? Ausgehend von eigenen Erfahrungen ergründet die Philosophin Svenja Flaßpöhler, unter welchen Bedingungen ein Schuldenschnitt im moralischen Sinne gelingen kann.“

    http://www.zeit.de/2016/35/verzeihen-vom-umgang-mit-schuld-svenja-flasspoehler-fallbeispiele

    „Das zentrale Problem bestehe darin, so Flaßpöhler, dass das Verzeihen „weder gerecht noch ökonomisch, noch logisch“ sei – eine Haltung, die in unserer vom Grundsatz „Wer Schuld hat, muss zahlen“ geprägten Welt kaum realisierbar erscheint.“

    Mir scheint, dass in einer postreligiösen Welt das Verzeihen schwerer geworden ist. Als Christ weiß ich, dass Verzeihen etwas ist, das mir im Jenseits gut geschrieben wird. Es gibt eine Motivation zu verzeihen, denn „alle Haare sind gezählt“ (Lukas 12, 7).
    Es ist allerdings auch christlich zu sagen, dass ich verzeihe ohne mir einen Gewinn davon zu erwarten.

    Wenn man nicht an ein Jenseits glaubt wird Verzeihen nur dann einen Sinn ergeben, wenn ich jedem Zweck und Mittel Denken eine Absage erteile. Ich verzeihe, weil ich die moralische Größe habe es zu tun.

    „Verzeihen ist schwer. Es ist unmöglich wenn wir glauben, der andere sei Schuld.“

    Dem würde ich widersprechen. Das Verzeihen, ganz ohne metaphysische Hintergedanken wird ja dann zu einer wirklich großen Geste, wenn wir der eigenen subjektiven moralischen Haltung größeren Stellenwert einräumen, als einer Belohnen im Himmel. Erst wenn der andere wirklich Schuld ist, wird Verzeihen erst wirklich wertvoll. Und vor allem wird es ja auch eine Position der Stärke. Ich bin besser als der mit der Schuld, wenn ich vergeben kann.

    http://www.jp.philo.at/texte/BootheB2.pdf

    „Vielmehr ist die Relation von Opfer und Täter im Kontext des Verzeihens asymmetrisch, der Verzeihende ist hier in souveräner Position. Diese souveräne Position könnte im Rahmen von Beziehungen, die von wechselseitiger Achtung geprägt
    sind, als problematisch gelten; in der Tat wird derjenige, der zum Verzeihen bereit ist, die Souveränitätsposition als problematisch empfinden.“

    • Effi Lind

      März 1 16:34

      Danke für deinen ausführlichen Beitrag. Ich denke, dass Verzeihung nicht existiert. Es ist ein Wort, hinter dem viele Motive stehen, wie die von dir genannte moralische Erhöhung. Der einzige Weg die negativen Gefühle vollkommen loszulassen ist für mich, die Erkenntnis zu erlangen, dass das Geschehene nicht so einseitig und bösartig zu interpretieren ist. Ein Perspektivenwechsel also.

    • Jurek Molnar

      März 1 17:10

      Ich halte die Voraussetzung, dass Verzeihen bedeutet „die negativen Gefühle vollkommen loszulassen“ für hinterfragenswert. Muss Verzeihen das bedeuten? Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, dass ich durchaus Menschen verziehen habe, ohne bestimmte negative Gefühle deswegen aufzugeben. Ich habe sie nach wie vor dafür gehasst, was sie getan haben (oder ich denke dass sie getan haben…) konnte aber zumindest mit einigen eine gewisse Kommunikation aufrecht erhalten. Das geht nicht bei allen, und das geht bei (ex)Beziehungen vermutlich gar nicht, aber z.B. meinem Vater habe ich vergeben, obwohl und gerade weil es nichts rückgängig macht.

      Vor allem: was ist die Alternative? Meine Mutter zum Beispiel kann meinem Vater nicht vergeben für das was er ihr angetan hat, und ich habe dafür echt Verständnis, mein Vater hat sich unzweifelhaft ihr gegenüber mies verhalten. Sie kann ihm nicht vergeben und darum reden sie auch seit 25 Jahren nicht mehr miteinander. Aber ich wollte nie so leben, so verbittert und unnahbar.

      Ist schwierig. Ich bin da eher situationselastisch.

    • Effi Lind

      März 2 16:48

      Lieber Jurek, dein Verständnis von Verzeihung leuchtet mir als sehr lebensnah ein. Für mich ist das nur etwas anderes, wenn ich mein Leben besser gestalte, indem ich z.B. nicht den Kontakt abbreche. Für mich ist Verzeihung eben wirklich etwas, das in mir stattfinden muss. Das Loslassen der negativen Gefühle. Wenn das nicht möglich ist, lohnt es sich natürlich, die Beziehung trotzdem so positiv wie möglich zu gestalten.

    • Jurek Molnar

      März 3 10:42

      Liebe Effi!

      Vielen Dank, dass du deswegen noch einmal was schreibst. Mir ist bewusst, dass ich da ein sensibles Thema angerührt hab. Manchmal geht bei mir die Angewohnheit durch, jedes und alles in einen größeren Kontext stellen zu wollen. Und manchmal fehlt mir auch das Fingerspitzengefühl, auch mal einfach das Maul zu halten. Daran muss ich noch arbeiten.
      Take care. ich hoffe du kommst im März wie angekündigt zum Schreiben.

      Grüße, Jurek

    • Effi Lind

      März 3 13:39

      Das stimmt natürlich, aber ich freue mich immer über spannende Diskussionen. Liebe Grüße, Effi

  4. Chris

    September 5 8:28

    Wir suchen ja meist IM AUSSEN nach Glück, Liebe und Zufriedenheit.
    Effi, Du hast es ja sehr gut beschrieben – wir projizieren meist gewisse Erwartungen auf andere Menschen und wenn diese dann nicht so sind oder sich so verhalten wie wir es erträumen, wünschen oder erwarten dann sind wir ent-TÄUSCHT.

    Selbstliebe und Selbstmitgefühl könnten hier ein Lösungsansatz sein.
    Ich habe u.a. auch ein Buch über Selbstmitgefühl rezensiert – mir hat es ganz neue Sichtweisen nähergebracht … https://relaxed.live/2017/07/15/buchvorstellung-sei-nicht-so-hart-zu-dir-selbst/
    In dem Buch wird sehr gut beschrieben, dass wir uns selbst oft viel schlechter behandeln als wir je einen anderen Menschen behandeln würden ….das macht nachdenklich.
    Glück und Zufriedenheit ist IN UNS – meist verdecken wir das aber durch ständigen Aktionismus, Ablenkung und Oberflächlichkeit.
    Wie soll jemand anderer uns lieben wenn wir uns vielleicht selbst gar nicht lieb haben können?

    lg

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