„Werde ohne mich alt“, stand auf der Rückseite einer alten Kinokarte. M drehte sich um und las: „50 shades of grey“. Sonst nichts, aber ihre Schuhe und Mäntel fehlten in der Garderobe. Werde ohne mich alt. Warum nicht: „Du Idiot, ich verlasse dich!“ M stopfte den Zettel in die Hosentasche und schlug die Wohnungstüre hinter sich zu. Es hatte zu tröpfeln begonnen und er trug immer noch sein weißes Sommerhemd von der Arbeit, aber zurückgehen wollte er nicht. Sie hatte diese Wohnung mit einem einen Satz in seine persönliche Hölle verwandelt. Er lenkte seine energischen Schritte in Richtung Altstadt zu seiner Stammkneipe, doch der Regen schwoll an, bis M nicht mehr unterscheiden konnte, ob ihm das Wasser von oben oder von unten entgegenschoss. Blind rannte er los, den Arm schützend vor seinem Gesicht. Er erkannte kaum, wo er sich befand und schlüpfte in die nächste offene Türe, die sich unter einem schützenden Mauervorsprung versteckte.

Tropfend trat er ein und es dauerte fast eine Minute, bis M klar wurde, wo er gelandet war. Sofort wollte er kehrtmachen, aber der Regen prasselte bedrohlich auf die Straße, sodass M sich widerwillig in einen der weißen Polsterstühle fallen ließ. Es platschte und der Kellner, augenscheinlich Student, hob missbilligend die Augenbrauen. M musterte ihn und dachte, dass er, obwohl trocken, auch nicht besser aussah, dann bestellte er einen schwarzen Kaffee und einen Schnaps. Warum hatte er auch ausgerechnet in dem Café landen müssen, wo sie ihm damals gesagt hatte, dass sie mit ihm zusammen sein wollte? Er schüttete den Schnaps in den Kaffee und nahm einen Schluck, die Brühe brannte auf den Lippen und M prustete in den Kaffee, sodass ein paar braune Tropfen sich zum Regen auf seinem Hemd gesellten. Es schmeckte bitter und erinnerte ihn daran, dass sie niemals „Ich liebe dich“ zu ihm gesagt hatte. Immer nur so ungreifbare Sätze wie: „Du berührst mich“ oder „Ich genieße die Zeit mit dir“. Er leerte den Rest seiner Mischung und knallte die Tasse zurück, sodass der Unterteller zerbrach, aber er merkte es kaum. Je länger er über die letzten drei Jahre mit ihr nachdachte, desto mehr dämmerte ihm, dass sie ihm überhaupt nie etwas Eindeutiges gesagt hatte. Der Studentenkellner servierte ab und wollte schon den Mund aufmachen, um sich über den zerbrochenen Teller zu beschweren, doch M winkte ab, schob ihm einen Zehner hin und stand auf. Draußen hatte sich der Regen gelegt, das war ein Zeichen. Er wollte sie suchen gehen, jetzt sofort. All die Jahre hatte sie ihm sein Recht auf Wahrheit vorenthalten, die Zeit war gekommen, es einzufordern.

Werde ohne mich alt … M spuckte aus und marschierte die schmale Gasse zu der Anhöhe im Zentrum der Stadt empor. Wenn sie nicht sofort die Stadt verlassen hatte, musste sie dort sein. An dem Ort, von dem sie als dem poetischsten der ganzen Welt schwärmte. Fast rannte er den gepflasterten Weg nach oben und rammte sich durch die Touristenmenge, die strahlend die Sonne bewunderte. Am Aussichtspunkt angekommen rang er um seinen Atem, dass er verschwitzt war fiel nicht weiter auf, weil ihm das Hemd ohnehin noch nass am Körper klebte. Touristen sah er keine, sie mussten alle vor der Sintflut geflohen sein.

Ganz hinten, auf der steinernen Mauer, die um die Plattform herum gebaut war, saß sie. Ihr langes, dunkles Haar wehte in der leichten Brise, die den Regen vertrieben hatte. Während er auf sie zuging, legte er sich die Worte zurecht, mit denen er sie nach all den Jahren endlich konfrontieren würde. Sie musste seine Schritte gehört haben, denn sie drehte sich zu ihm um. Wie ertappt blieb M stehen, wieso lächelte sie so gelassen?

Sie rutschte von der Mauer und kam ihm entgegen. In dem Moment war M entfallen, was genau er zu ihr sagen wollte, hilflos zog er die alte Kinokarte aus der Hosentasche und hielt sie ihr hin. Mit reglosem Gesicht nahm sie die Karte, blickte für eine Sekunde darauf und zeigte sie ihm dann. Die Schrift war verschwommen und kein Wort mehr erkennbar. „Was soll ich damit?“, fragte sie und schüttelte den Kopf. Dann musterte sie ihn von oben bis unten und verzog das Gesicht. „Wieso hast du Kaffee auf dem Hemd … und warum bist du so nass?“

Ms Gedanken überschlugen sich und er fand keine Worte.

„Ist was?“, fragte sie jetzt mit besorgter Stimme und streichelte seine Wange.

„Wie bringst du es fertig, so falsch zu sein?“, würgte er hervor.

„Warum kannst du nicht einmal dazu stehen, was du willst. Wenn du mich verlassen willst, dann hinterlass mir nicht einen Wisch mit einer kryptischen Botschaft. Du kannst mich anschreien und mich beleidigen, aber sag was du denkst. Ich habe verdient, zu wissen woran ich bin.“ Bei diesen Worten traten ihm Tränen in die Augen, es war ihm egal. Die ganze Welt machte sich ohnehin über ihn lustig und er war der einzige, der nicht lachte.

Sie musterte ihn und starrte wieder auf die Kinokarte, dann machte sie plötzlich „Ahhh“ und sagte: „Das hat mir meine Freundin gestern gegeben, da wollte sie mir den Titel eines Buches, das sie gelesen hat, aufschreiben. Aber jetzt ist alles verschwommen. Was willst du damit?“

M hörte die Worte und fragte schwach: „Wo sind deine Schuhe und Mäntel?“

„Ist das wichtig?“, fragte sie sanft und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Er wollte sie in seine Arme ziehen, aber sie schlüpfte zart durch seinen Griff und glitt an ihm vorbei. Dann schwebte sie davon, nicht ohne ihm einen traurigen Blick über die Schulter zuzuwerfen, er blieb stehen und ließ sie gehen. Sie hatte gewonnen.