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Wer effektiv lebt, stirbt schneller

Ich habe Mojitos gegen Grüntee ausgetauscht, den Döner in der Nacht mit Haferbrei zum Frühstück ersetzt, meine Netzstrumpfhosen entsorgt und ich achte darauf, meistens vor Mitternacht schlafen zu gehen, mindestens für acht Stunden. Meine Hotpants vergammeln in der hintersten Ecke des Kleiderschrankes, ganz vorne liegen jetzt gepflegte Pullies und Jeans. Ich schminke mich nur noch in Brauntönen, habe aufgehört, meine Zeit mit Computerspielen zu vergeuden und ich habe gelernt, Ordnung in meinem Gehege zu halten.

Auf Grund dieser Tatsachen muss ich mir eingestehen, dass das Leben sich aus meinem Leben verabschiedet hat.

Ich habe ein Level der Effizienz erreicht, das bedenklich für meine Gesundheit ist. Dabei ist es doch genau die Effizienz, die ich mit diesen Veränderungen angestrebt habe, oder? Sie war der inoffizielle Sinn meines Lebens. Denn im Grunde lassen sich alle “Verbesserungen” – wie gesünderes Essen, frühes Schlafengehen, seltener ausgehen oder Ordnung – auf eine Form der Effizienz zurückführen. Was ich nicht bedacht hatte ist, dass mit den störenden Nebenwirkungen des Lebens, also übertriebener Faulheit, Hautalterung, Müdigkeit und Prokrastination, auch ein Stück Lebendigkeit verloren geht. Denn ehrlich, was tue ich heutzutage noch ohne Grund, Motiv oder Ziel? Nichts. Das wäre schließlich unnötig, schlicht ineffizient. Ich lebe optimiert, auf höchstem Niveau der Produktivität, damit ich einmal sagen kann: „Ich habe alles aus meinem Leben herausgequetscht, jeden Tropfen Potenzial.“

Aber warum nur schmeckt alles so schal, wenn es einem Zweck unterworfen wird?

Vielleicht weil wir durch den Fokus auf ein Ergebnis all die Möglichkeiten töten, von denen wir nicht wussten, dass sie da sind. Effizienz geht gerne Hand in Hand mit der arroganten Einstellung, zu wissen was das Beste ist und wie man es erreicht. Womöglich ist das Gegenteil der Effizienz das Spiel, denn im Spiel erlauben wir Momenten, sich zu entfalten, ohne zu wissen, wozu sie uns dienen könnten. Damit wachsen wir über unseren eigenen Horizont (und der ist wirklich begrenzt) hinaus und lernen tausend Dinge, die wir nicht geplant hatten, um Menschen zu werden, als die wir uns nicht entworfen haben. Wer will schon wirklich genau so werden, wie er es sich vorstellt? Ich will es nicht, denn beide, das Leben und das Spiel, sind klüger als ich.

1 Comment
  1. […] Mehr zum Thema hier. […]

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