Mit dem Fortgehen und dem Trinken ist es wie mit dem Puppenspielen, unmerklich wächst man heraus und plötzlich ist es langweilig. So verlieren wir ein Spiel nach dem anderen, schleichend, bis der Verlust des letzten unmittelbar bevorsteht. Was bleibt noch, wenn man über Trinkorgien, verschwitzte Nächte in Clubs mit Fremden hinaus ist und zum ersten Mal daran glaubt, dass man seinem Verfallsdatum langsam aber sicher näher rückt?

Ich saß alleine auf einer Bank im Park, gerade eben außerhalb der Reichweite des Party-Viertels. Die Sonne schickte sich an aufzugehen und hinter mir lag eine dieser Nächte, die existenzbedrohend sind, weil sie zu viele Fragen aufwerfen. Fünf Tequila-Shots betäubten mich nicht ausreichend, um zu übersehen, wie plump die epileptisch tanzenden Alkoholzombies aufeinander zu stolperten und auf dem nächstbesten Mund landeten. Wieder an der Luft war ich zu dem Schluss gekommen, dass man sich mit 23 entweder alt fühlen konnte oder so tun, als wäre man jünger. Letzteres hatte ich versucht und jetzt waren nur noch Reste von mir übrig: die Schminke verlaufen, in der Kleidung der Geruch von fremden Schweiß – alles hässlich ohne den Charme der Jugend. Von wegen Midlifecrisis mit 40, sie begann bereits jetzt, wo erste Fältchen um die Augen jedes Lachen wehmütig werden ließen und die Verkäuferin mich beim Alkohol kaufen nicht mehr nach dem Ausweis fragte. Es wurde immer heller und bald würden die ersten Leute sich auf den Weg zur Arbeit machen und mich als Überbleibsel der letzten Nacht identifizieren. Die Vorstellung gab mir den nötigen Schub und ich schleppte mich durch die erwachende Stadt nach Hause, auf der Flucht vor dem Morgengrauen.

Als ich am späten Nachmittag des selben Tages erwachte, hatte ich mich in ein klebriges, zerzaustes und ausgetrocknetes Ungeheuer verwandelt. Widerwillig erlaubte ich den Bilder von Sonntagen, an denen ich noch zufrieden aus dem Bett gesprungen war, obwohl ich kaum oder an den falschen Plätzen geschlafen und mich von innen mit Alkohol gebadet hatte, durch meinen Kopf zu wandern. Dabei saß ich in mich zusammengesunken auf der Bettkante und nippte an dem Wasserglas, das ich mir vorsichtshalber bereitgestellt hatte. Nach dem ersten Schluck lichtete sich der Sumpf in meinem Gehirn und ein Plan nahm Form an. Ich musste herauszufinden was danach kam, was die Rituale der Jugend ersetzte, denn ich konnte nicht mehr mithalten. Doch wo versteckten sich die Antworten auf solche Fragen, in einem Buch? Nein, diesmal nicht. Zur Bekräftigung schubste ich die Bücher, die meinen Nachttisch überwucherten, zu Boden und schlurfte ins Bad. Da ich keine Ahnung hatte wo ich meine Suche eröffnen sollte, beschloss ich, mich mit offenen Augen durch die Stadt treiben zu lassen. Sicher waren schon viele Mitzwanziger in derselben Situation gestrandet und irgendeiner von ihnen wusste, wie das Leben nach dem Feiern weiterging.

Es war Sonntag und dementsprechend erschienen mir die Straßen leer, kaum Autos, dafür viele Spaziergänger. Die Studenten schliefen wohl noch, nach der obligatorischen Samstagnacht-Feier. Jedenfalls begegnete ich kaum Leuten, die wie ich alleine unterwegs waren. Genau genommen nur zweien dieser Exemplare und eines davon war ein alter, dicker Mann; ein österreichischer Vorzeigealkoholiker, wie man ihn auf Parkbänken findet. Der andere war ein Bursche, ungefähr 16. Rauchend und mit starrem Blick streifte er mich beinahe im Vorbeigehen. Beide konnten sich nicht mit dem Glück messen, das die Gruppenmenschen ausstrahlten. Sie flanierten, oft versammelt um einen Kinderwagen, durch die Stadt und nahmen die ganze Straße ein. Dass Menschen Herdentiere waren, lag auf der Hand, aber wenn ich das was ich bis jetzt gesehen hatte richtig interpretierte, dann blieb nur die Familie als Zuflucht für Party-Pensionisten. Diese Erkenntnis – so offensichtlich wie unbefriedigend – verwarf ich wieder als ich gerade den Hauptplatz überquerte und mich entschieden hatte, meinen Weg durch eine der kleinen, mittelalterlichen Feuergassen fortzusetzen. Die Mauern näherten sich zum Ende der Gasse hin immer weiter an und der Geruch von Urin überflutete die Luft. Erst als ich einen von Kastanienbäumen überschatteten Platz erreichte konnte wieder durchatmen. Ein junger Mann, wahrscheinlich in meinem Alter, besetzte eine der Bänke in der Mitte des Platzes. Er trug eine schwarze Lederjacke, die in der Sonne wie eingefettet glänzte und sein Gesicht wurde gerade von Kafkas „Verwandlung“ im billig-gelben Einband verschlungen. Sobald ich mich ein paar Schritte näherte, erkannte ich in ihm meinen ersten Ex-Freund. Wir waren vor Jahren auseinander gegangen und hatten uns seit dem aus den Augen verloren, absichtlich. Er blickte auf, fiel eine Sekunde lang in absolute Regungslosigkeit und entschied schließlich, mir entgegenzukommen. Wir umarmten uns und ein vertrauter Duft weckte in mir die Erinnerungen an jugendliche Illusionen, von denen ich immer noch träumte. Ohne ein Wort setzten wir uns neben einander auf die Bank, das Holz glänzte noch frisch und niemand hatte sich bisher darauf verewigt. Ich lächelte, für den Hauch eines Moments wallte eine vergessene Vertrautheit in mir hoch. Wir schwiegen, denn wir hatten uns so lange nicht gesehen, dass es zu mühselig war, all die Jahre und Erfahrungen auszubreiten. In diesem Augenblick als wir wieder Zeit und Ort teilten, stellten sich unsere Uhren zurück zur Mitte der Zeit. Was nach unserer Beziehung geschehen war, schien gerade hier und jetzt nicht von Bedeutung. Ich fand den Mut, das Gespräch, das sich irgendwann doch gegen die Stille durchsetzen würde, direkt mit der Frage zu eröffnen, die mich quälte. „Weißt du, was danach kommt? Nachdem einem die endlosen Spiele der Kindheit langweilig geworden sind, man gelernt hat alleine zu leben und man an den Punkt erreicht, wo einem Party, Alkohol und flüchtige Begegnungen nicht mehr zum Leben reichen?“

Er lächelte so wie ich er es immer getan hatte, sah aber nicht zu mir herüber und antwortete, als hätte er selbst über diese Frage schon lange nachgedacht: „Dann fängt man wieder von vorne an.“