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Verschwende deine Zeit (Oder: Du bist nichts als Zeit)

Es gibt keine Beschäftigung, der man auf dieser Welt nachgehen kann, die sinnvoller wäre als eine andere. Allein in unserer Vorstellung bewerten wir den Gewinn und den Sinn, den wir bestimmten Aktivitäten oder Inaktivitäten zuordnen.

Warum sollte es objektiv gesehen mehr wert sein, laufen zu gehen als auf der Couch zu liegen?

Das sind nur Entscheidungen, die wir treffen, keine realen Wertigkeiten. Darum habe ich mich entschlossen, nicht mehr geizig zu sein, die Zeit nicht mehr auf der Armbanduhr oder dem Mobiltelefon zu horten und sie stattdessen mit beiden Händen auszugeben. Ich schenke sie jedem, der danach fragt, denn sie ist noch zarter als eine Blume, sie verwelkt bevor ich sie aufbewahren kann.

Die Zeit wird immer verbracht, so oder so.

Wenn wir sie nicht verbringen, verbringt sie sich selbst und wir haben nicht mehr davon als zuvor. Alles was wir mit unserer Zeit auf dieser Welt erreichen können, wird durch die Zeit wieder ausgelöscht werden. Ich kann mich fortpflanzen – irgendwann werden meine Kinder sterben. Ich kann Bücher schreiben – irgendwann wird sie keiner mehr lesen. Ich kann Häuser für Arme bauen – irgendwann werden sie einstürzen.

Darum hab ich keine Angst, meine Zeit zu verschwenden, denn im Grunde ist Zeit immer verschwendet, es ist ihr Wesen zu verschwinden. „verschwinden“ und „verschwenden“ waren in früheren Formen des Deutschen nicht zufällig synonym. Ich interpretiere „verschwenden“ als eine aktive Form von „verschwinden“. Die Zeit verschwindet, verschwendet oder nicht – es ist nicht unsere Entscheidung, nicht unsere Macht, die Zeit anzuhalten.

Alles was uns bleibt ist der Augenblick, bereit verschwendet zu werden.

Wir alle versinken in der Endlosigkeit der Zeit und tun doch so, als wären wir so bedeutend, dass wir das Quäntchen Zeit, das uns zugeteilt ist, mit der richtigen Sorte Aktivität füllen müssten, um nur ja nicht bedeutungslos zu sein.

Wir sind so bedeutungslos oder bedeutend wie ein Körnchen in einer Sanduhr. Ein wichtiger Teil des Ganzen und doch fragt niemand danach, was dieses Sandkorn gerade macht. Vielleicht ist das eine Erleichterung. Denn das Heil der Welt hängt nicht davon ab, ob wir unsere Zeit effizient nützen, indem wir sie mit Geld- oder Liebesaktivitäten füllen.

Eine Frage bleibt in dieser Betrachtung offen: Wohin verschwindet sie denn, die Zeit?

Im Grunde verschwindet sie eben doch nicht, auch wenn es widersprüchlich klingt. Stattdessen reichert sich die Zeit in allem an, in einem vom Wasser gegrabenen Flussbett, einer Landschaft und auch in Menschen. Wenn wir versuchen, so auszusehen als hätten wir erst wenig Zeit angesammelt, indem wir ein Schutzschild aus Botox über unser Gesicht legen, dann ist das nur eine Illusion.

Die Zeit fließt trotzdem unablässig in uns sowie in alles andere hinein, wir werden immer mehr. Wir bestehen aus gespeicherter Zeit und keine Sekunde unseres Lebens, egal wie sie verbracht wurde, ist abkömmlich, denn sie ist das was wir sind. Im Grunde sind wir nichts anderes als ein Häufchen Zeit.

Wir sind die Summe der Momente unseres Lebens und deswegen halten wir es für bedeutungsvoll, wie wir den Augenblick verbringen, denn darin ist die Entscheidung enthalten, wer wir sein werden. Aber kein Grund zur Panik: Niemand kann Zeit verlieren, sie verschwenden oder sie sich stehlen lassen.

Das Schlimmste was uns mit ihr widerfahren kann ist, dass wir sie durch Dinge bestimmen lassen, die uns nichts bedeuten oder die uns zuwider sind und wir so zu jemandem werden, der wir nicht sein wollen.

Darum: Verschwende deine Zeit, aber verschwende sie weise.

PS: Mein Lieblingsbuch über dieses Thema ist von Safranski.

1 Comment
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