Search

Tinder me, Baby – (un)mögliche Liebe

Eine Betrachtung über die Liebe in unserer Zeit, inspiriert von  Das Ende der Liebe: Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit .

Ich liebe Kaufhäuser und Märkte und das Internet und Ausstellungen.Warum? Weil es dort so viel von allem gibt und genau das gibt mir im Moment Tinder. Die Fülle steht zur Wahl, wie an einem Obststand, der überquillt.

Tinder ist eine Menschen-Ausstellung, ich sehe mir die Gemälde fremder Gesichter an und kann sie nach meinem Geschmack sortieren – rechts oder links.

Vielleicht sehe ich gar keine Menschen. Mich interessiert nicht, ob die lustig oder nett sind. Ich sehe vor allem Möglichkeiten und davon habe ich viele, scheinbar. So viele, dass ich sie gar nicht alle verfolgen will, das wäre schon ein Vollzeit-Job.

Das Beste daran ist, dass ich mich für kein Gesicht entscheiden muss.

Ich will nicht, dass mir eines vertraut wird. In meinen Möglichkeiten-Korb packe ich so viele davon, wie ich will, von mir aus sogar alle. Und dann denke ich: „Die könnte ich alle haben, vielleicht.“

Geil, oder? Ich bin verliebt, verliebt in die Vielfalt und in die Tatsache, dass ich keine Verantwortung übernehmen muss, die mich an eines dieser Gesichter fesselt. Ich bin ein freier Mensch und ich flirte mit der vielgesichtigen Hydra. Wenn ich eine Möglichkeit aufgebe, wachsen zwei nach. Für immer behalte ich dieses Taschenkabinett auf meinem Telefon, in das ich alle möglichen Zukunftspartner beschwören kann, wenn ich mich gerade langweile. Die Einsamkeit stirbt aus, denn Zeit mit mir zu verbringen ist eine verführerische Möglichkeit für viele.

„Hey, wie geht’s? Heute Abend schon was vor?“

Wir tauschen und kultivieren unsere Gesichtsgärten. Besonders die exotischen Blumen sammle ich und stelle sie zur Schau, sie sind die Herzstücke meiner Ausstellung. Immerhin wird an ihnen ersichtlich, wie außergewöhnlich ich selbst bin, weil ich solcher Blumen habhaft werden konnte.

„Und, wann treffen wir uns, Baby?“

Effi Lind

(Picture Copyright by Daniel Lindner)

8 Comments
  1. Ignotus W. James

    Februar 8 9:29

    Ein sehr interessanter Blickwinkel und..ich muss sagen mir läuft es kalt den Rücken herunter wenn ich bedenke, dass er außerhalb der Mauern wahrscheinlich real ist.

    • Effi Lind

      Februar 8 9:38

      Außerhalb welcher Mauern meinst du?

  2. Simon

    Februar 8 9:55

    Die einen sehen einen Möglichkeiten-Korb, die anderen unendlich viele Korb-Möglichkeiten 😉

    • Effi Lind

      Februar 8 10:04

      😀 super Wortspiel

  3. Sarah

    Februar 8 10:01

    Ein sehr schöner Text, der auch das negative an tinder irgendwie ein ein schöneres Licht rückt 🙂
    Danke für deine Ehrlichkeit!

    • Effi Lind

      Februar 8 10:15

      Danke. Ich finde, Tinder muss man mit Humor sehen

  4. Angelika

    Februar 8 13:19

    Gut getroffen, die endlose Steigerung der Möglichkeiten ist der Impertativ unserer Zeit, der Reiz von Tinder speist sich – wie du so treffend schreibst – aus genau diesem Trend (vgl. Gross, Multioptionsgesellschaft). Liebe Grüße 🙂

    • Effi Lind

      Februar 8 14:25

      Diese Überfülle trifft auf viele Bereiche zu. Man kann sich in diesem Meer treiben lassen oder davon verschlungen werden. Nur ist es nicht leicht zu durchschauen, was gerade der Fall ist. Liebe Grüße zurück 🙂

Leave a Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

best life hacks picturing a girl typing on a typewriter
%d Bloggern gefällt das: