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Suche nicht nach dem Einhorn (Erster Brief über das Schreiben)

Lieber Alexander,

wenn ich deine Worte lese, weiß ich sofort: Du bist sehr weit weg von hier. An einem Ort ohne Zeit – einem Schreibhafen. Hier in der Stadt muss ich mir eine Ecke suchen, wenn ich eine Runde Ruhe finden möchte. Hier muss man sich gegen den Strom des Alltags stemmen, um ein paar Worte zu Papier zu bringen. Es ist ein Ringen mit der eigenen Faulheit, Müdigkeit und den Wünschen der Menschen um mich herum, die gerne etwas Zeit hätten.

Trotzdem macht die Inspiration  keine Pause, wenn ich von einem Termin zum nächsten haste. Sie quetscht sich in die Ritzen, in die wenigen Minuten von Nichtstun und dann kommt sie mit voller Wucht. Ich glaube, meine Muse mag es aktiv und wild und manchmal am Rande meiner Belastungsgrenze. Wenn ich abends müde im Bett liege, jagt sie mich oft nochmals an den Schreibtisch, weil sie noch nicht mit mir fertig ist.

Wenn ich dann Zeit habe, am Wochenende im Park liege, in den lauen Himmel starre und auf Ideen warte – Stille im Kopf. Ich warte und jetzt, wo ich Zeit hätte, hat sich auch meine Inspiration frei genommen. Dann denke ich mir: Man kann es auch nicht richtig machen, als Ideen- und Geschichten-Sammler. Also muss man die Ideen und Zeiten wohl so nehmen wie sie sind – Inspiration kann man nicht à la carte bestellen. Sie ist immer irgendwo, nur manchmal eben nicht bei mir. Dann schreibe ich ihr einen Brief und lasse sie den Urlaub genießen.

Über das Schreiben

Einhörner verstecken sich nicht an besonderen Orten

Ich dachte immer, Inspiration hätte vor allem mit Orten, Menschen und eben dem glücklichen Moment zu tun. Das stimmt auch manchmal. Es gibt diese Situationen, wo plötzlich Ideen aus dem Nichts heraus fließen. Und ich habe sie schon erlebt, allerdings sind sie (fast) so selten wie Einhörner. (Ich will an dieser Stelle keine Diskussion beginnen, ob es diese Viecher nun gibt oder nicht. Es sei der Fantasie eines/einer jeden freigestellt.) Jedenfalls war ich nach einem solchen Ereignis ständig auf der Suche nach mehr davon.

Ich bin an dieselben Orte gegangen und habe versucht, alle Bedingungen nachzustellen. Als dann der magische Moment sich nicht wiederholte, hatte ich das Gefühl versagt zu haben. Oder alle Inspiration aufgebraucht und mein Kreativ-Konto überzogen zu haben. Damit habe ich sicher ein Jahr lang mit der Jagd nach dem richtigen Ort und Zeitpunkt verbracht, nur um wieder von dieser Quelle zu trinken. Die Ideen sind so mühelos gekommen, das wollte ich wieder haben.

Irgendwann wurde mir klar: So wirst du niemals eine Geschichte zu Ende schreiben oder auch nur zu Ende denken.

Manchmal muss es eben Arbeit sein

Also begann ich, zuerst mit großem Wiederstand, einfach zu schreiben und mich hinzusetzen, um an einer Geschichte oder Figur zu „arbeiten“. (Ich mag das Wort nicht, weil „Arbeit“ im Mittelhochdeutschen noch „Leid“ hieß. Heute gestaltet sich der Zusammenhang nur noch indirekt.)

Jedenfalls entdeckte ich dabei: Je mehr ich schreibe und über einen Text nachdenke, desto mehr Ideen kommen. Natürlich keine Einhörner, dafür aber ein regelmäßiger Fluss von mehr oder weniger nützlichen Einfällen. Sobald ich aufhöre, mich mit einem Text zu beschäftigen, versiegt der Strom wieder. Aber immerhin kann ich auf diesem Weg steuern, wann ich in die Inspiration eintauche. Das ist für mich das Wichtigste und magische Momente passieren ohnehin eher dann, wenn man nicht auf sie „hinarbeitet“.

Alles Liebe von

Effi Lind

PS: Lieber Alexander, solltest du trotzdem auf deiner Reise ein Einhorn gefunden haben, dann bring es bitte mit. 😉

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3 Comments
  1. […] Liebe Stephanie, […]

  2. Alexander Greiner

    August 24 7:42

    Ein sehr schöner Brief! Jetzt weiß ich auch, mit welchem Alexander du mich letztens einmal verwechselt hast … 😉

    Dass „Arbeit“ im Mittelhochdeutschen „Leid“ bedeutet finde ich tragikomisch. Im Duden ist der dritte Bedeutungskomplex immer noch mit „Mühe, Anstrengung; Beschwerlichkeit, Plage“ angegeben (https://www.duden.de/rechtschreibung/Arbeit). Das finde ich so schade, denn ich mag die Arbeit an sich.

    • Effi Lind

      August 24 8:30

      Danke 😊. Ja, genau der war das. Ach, der Duden beschönigt die ursprüngliche Bedeutung von Arbeit sogar. Aber für die Schönheit des Arbeitens und Kreierens gibt es ohnehin ein anderes Wort: Schaffen.

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