Ich saß auf einer alten Steinmauer neben dem berühmten Turm, der das Herz der Stadt bildete.

Trotzdem konnte man hier nach Mitternacht gut alleine sein. Dass ich weinte, würde hier niemand sehen, im Gegensatz zu meinem Zuhause, wo mein Freund auf mich wartete. Schon wieder vibrierte das Handy. „Komm nach Hause, Lina. Bitte. Das mit den Brüsten war eine blöde Idee.“ Jetzt schluchzte ich noch heftiger und kauerte mich klein zusammen, um mich an meinen Knien festzuhalten. Immerhin konnte ich diese Haltung einnehmen, mit größeren Brüsten wäre das schwer.

Ich lachte unfreiwillig und richtete mich wieder auf. Vielleicht sollte ich ein paar Schritte gehen, aber nicht in die Wohnung. Die Arme fest um meine Brust geschlungen, schlenderte ich die gepflasterte Straße weiter hinauf auf den Hügel. Unter mir summte die Stadt, immer noch nicht zur Ruhe gekommen. Die vielen Lichter, wie viele Frauen sahen sich wohl gerade im Spiegel und fühlten sich unzufrieden mit ihrem Körper? Bei dem Gedanken schlichen sich die Worte, die mein Freund heute, am Abend meines 24. Geburtstags, zu mir gesagt hatte, wieder zurück in meinen Kopf.

„Das ist für dich Linchen, damit fühlst du dich endlich wieder wie eine richtige Frau.“

Er hatte mir einen rosa Umschlag hingehalten, darin steckte eine Karte, die ein ausladendes Dekolletee abbildete. Als ich ihn fassungslos angeblickte, erklärte er mir seinen Plan, mir eine Brustvergrößerung zu schenken, weil ich doch mit meinem Körper so chronisch unglücklich sei.

Darauf hatte ich meinen Mantel geschnappt und war weinend aus der Wohnung gelaufen, direkt ins Zentrum der Stadt und hier her auf den alten Festungshügel. Mein Freund hatte es sicher nicht böse gemeint, aber warum sollte ich mir für mich große Brüste machen lassen? Damit ich nicht mehr auf dem Bauch schlafen konnte? Ich schüttelte empört den Kopf und lehnte mich weit übers Geländer, unter mir leuchtete der graue Felsen im Licht der Scheinwerfer, die hier überall angebracht waren.

Apropos Felsen und Berge, ich hatte schon mal größere Brüste gehabt, damals als ich noch ein Wal gewesen war. Zumindest nannten mich einige Klassenkolleginnen so. Und jeder weiß, Brüste bei einer Dicken zählen nicht … Dass Männer was zum Anfassen wollen hörte ich von meiner besten Freundin damals andauernd, zumindest nachdem ich meinen Speck losgeworden war. Sie hatte ich dann an der Front des Kampfes um die einzig richtige Körperform verloren.

Ich spuckte hinunter und sah meiner Spucke zu, wie sie auf den Stein klatschte. „Diese ganze Scheiße!“, schrie ich ihr nach. „Fickt euch, ihr Körperkolonialisten!“ Ich war so voller Wut, dass ich abrupt losrannte, aufwärts, abwärts, ich achtete nicht auf den Weg, bis ich mich an einer dunklen Stelle wiederfand, die Straßenlaterne war zerbrochen, aber etwas weiter vorne am Straßenrand ragte ein beleuchtetes Kreuz auf.

Ich trat näher und mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als ich bemerkte, dass sogar Jesus einen Sixpack hatte.

Ich ließ mich ins feuchte Gras vor das Blumenbeet fallen, das um das Kreuz herum angelegt war, und starrte nach oben wie ein kleines Kind. Kein Wunder, dass diese Gesellschaft sich in einen Körperkrieg gestürzt hatte, wenn sogar die Verkörperung des in diesem Land vorherrschenden Gottes auf eine Seite gezogen worden war – die Fitnessfraktion. Die Fraktion der kurvigen Weiblichkeit müsste sich eigentlich vom Christentum abwenden und Buddha zu ihrem Gott erheben. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich dazu genötigt, mit diesem hölzernen, gekreuzigten Jesus zu sprechen. Vielleicht weil ich vor ein paar Jahren auch zur Fitnessfraktion übergelaufen war.

„Jesus, ich habe mich den Werten der Gesellschaft unterworfen und 20 kg abgenommen. Wenn ich dich so ansehe, heißt du das sicher gut … Immerhin zwickt mich mein Freund jetzt nicht mehr bei jeder Gelegenheit in den Hüftspeck, meine Arbeitskolleginnen nennen mich nicht mehr Kugelina und ich passe in Größe 34. Wenn ich also das Richtige getan habe, warum ist der Krieg noch nicht vorbei? Wieso muss ich mir auf der Arbeit jetzt anhören, dass Männer keine Flachbretter nageln wollen? Mein Freund scheint das auch so zu sehen, obwohl er mich damals ins Fitnesscenter gezerrt hat.“

Immer noch starrte ich wie hypnotisiert auf den blutenden, toten Kreuzjesus und hatte Tränen in den Augen. Natürlich würde er mir nicht antworten, mit diesem Gedanken riss ich mich von dem Anblick los und rannte weiter die dunkle Straße hinunter. Zur Dunkelheit hinzu kam, dass ich durch meinen Tränenschleier nur verschwommene Lichtpunkte wahrnahm und so prallte ich nach einigen Schritten gegen einen Menschen. Ich wich zurück und wischte mir die Tränen aus den Augen. Es war ein Mann Anfang 20, der mich erschrocken anstarrte. Als er nichts sagte, kochte die Wut in mir hoch, auf meinen Freund, auf Sixpack-Jesus und auf alle Männer. Ich stieß ihn weg und schrie: „Männer wollen was zum Anfassen, ja?

Aber bitte nur an den richtigen Stellen und ohne Dellen und fest und straff. Weißt du was ich will? Einen Double-Cheeseburger ohne Kalorien und mit extra Soße, dazu bitte einmal Mann, wunderschön, selbstlos und ein Arschloch.“ Er starrte mich mit unbewegtem Gesicht an, während ich meine Wut auf ihn losließ und ihn vielleicht mit etwas Spucke besprühte. Erst schwieg er, dann lachte er los. Mehr noch, er konnte sich gar nicht mehr halten und stützte sich auf seine Knie ab. Ich wurde ganz leise, sogar meine innere Stimme verstummte.

Als er sich wieder aufrichtete, war das Lachen aus seinem Gesicht verschwunden und ein Lächeln machte sich breit, Gott sei Dank, denn ohne das Lächeln hätte er mit seinem Bart wahrscheinlich so grimmig ausgesehen wie ein Holzfäller oder Rübezahl. „Paul“, sagte er und streckte mir die Hand entgegen. „Lina“, entgegnete ich mit einem Nicken und schüttelte seine Hand.

„Du willst also einen Cheeseburger?“, fragte er grinsend. Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte, aber er redete ohnehin weiter. „Ich hab dich beobachtet, wie du mit dem alten Herrn gesprochen hast und …“

„Stopp!“, unterbrach ich ihn, denn mir war gerade ein Gedanke eingeschossen, eine Erkenntnis, die mich noch wütender machte. „Wieso sind nur Frauenkörper immer falsch, egal ob dick oder dünn?

Für Männer gibt es genau ein perfektes Bild: athletisch und groß. Das ist so ungerecht!“, platzte es aus mir heraus. Paul, der diesem Idealbild einigermaßen nahe kam, nickte bedächtig. Meine überbordenden Emotionen fanden in ihm keinen Wiederhall.

Schließlich sagte er: „Wenn’s so oder so falsch ist, wie wär’s dann mit einem Mitternachts-Cheeseburger?“