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Im Freudenhaus

Letztens ging ich mit einem Freund ins Bordell.

Er hatte mich eingeladen, und wie oft kommt man als Frau schon in seiner Freizeit dazu, durch die Zimmer eines Puffs zu marschieren oder es sich in dessen Betten gemütlich zu machen?

Um 9 Uhr morgens ist es so ruhig im „Claudius“, dass uns niemand bemerkt als wir eintreten. Dafür ist das Putzlicht an, was die erotische Verklärung dieses Ortes etwas dämpft. Eine Stiege führt hoch zu einem Gang, in dem sich Türen aneinander reihen, die mit Nummern und Namen wie „Asien“, „Indien“ oder „VIP“ versehen sind.

Wir gehen nach „Indien“ und treffen doch eine Putzfrau, die nach einem kurzen Schreck leutselig erzählt, wie schön es sei, hier zu arbeiten. „Leider bin ich zu alt“, erklärt sie und rechtfertigt damit wohl, warum sie hier nur im Reinigungsdienst arbeitet. Muss auch ein spannender Job sein. Wie ich in diesen Fantasiekulissen für Träume aus allen Teilen der Welt stehe, beschleicht mich ein leiser Neid.

Die Einrichtung eines dieser Zimmer kostet um die 30.000 Euro, es geht in diesem Bordell eindeutig um Luxus.

Nicht dass ich gerne zu Prostituierten gehen möchte, aber die Einrichtung täte mir schon gefallen, so möchte ich wohnen … wenn das nur kein Bordell wäre. In diesem Haus leben tatsächlich Frauen, allerdings einen Stock höher, wo sich je zwei ein kleines Kämmerchen teilen.

Mein Bordell-Führer leitet mich durch das Labyrinth, denn scheinbar sind alle Räume über geheime Türen miteinander verbunden, fast als ob es einen Backstage Bereich für diese dekadenten Bühnen gäbe, wo die Frauen jede Nacht fremde Wünsche inszenieren.

Mehrere Kojen im indischen Stil sind für Gruppen, die kein Problem damit haben, es nebeneinander zu tun, eine verborgene Schiebetüre führt in den nächsten Raum, wo uns ein Pool erwartet, umrandet von antiken Säulen und Blumenfreskos an den Wänden. Ich fühle mich wie in einem Nymphengarten, aber die Stimmung ändert sich nach wenigen Schritten, als ich in einem französischen Schlosszimmer stehe, über dessen Bett eine riesige Adlerfigur lauert, daneben steht ein Thron samt Schemel.

Sehr gefragt ist der VIP-Raum, großteils im asiatischen Stil mit eigener Lounge und einer dunklen Höhle, in der man sich von der Welt verschlungen fühlt.

In einem weiteren Zimmer dieses Bereichs steht ein asiatisches Hochzeitsbett, ein Hauch von Romantik an einem Ort, wo ich ihn nicht erwartet hätte. Wir betreten eine Pharaonen-Grabkammer, deren Eingang Sphinxen als Wächterinnen säumen und ich sehe die Abnutzungsspuren an den Figuren, wo sich die Frauen hinsetzen und festhalten, wenn es im Stehen zur Sache geht.

Hinter diesen luxuriösen Kulissen entdecke ich immer wieder Zeichen eines ausgeklügelten Systems, überall finden sich versteckte Schubladen für frische und gebrauchte Bettüberwürfe und die üblichen Utensilien wie Kondome und Gleitgel.

Diese Häuser haben tatsächlich etwas Dunkles, wenn man die Beleuchtung betrachtet. Sie ist so vorteilhaft, dass es ein extra Putzlicht geben muss, um überhaupt Details zu sehen. Man(n) soll nicht zu viel erkennen, damit die Traumblase dieses Ortes nicht platzt. Mein Begleiter beendet meine romantisierten Vorstellungen, als er erklärt: „Die Wandbemalungen an der Decke habe ich für die Mädchen gemacht, damit sie was zum Schauen haben, wenn ihnen langweilig ist, oder glaubst du, denen macht das immer Spaß?“

 

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2 Comments
  1. Ignotus

    Januar 5 9:05

    Freue mich darauf nachher mehr zu lesen, sehr guter Schreibstil ganz im Ernst.

  2. Effi Lind

    Januar 5 9:07

    Danke, Ignotus. Es freut mich zu lesen, dass es dir gefällt.

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