Auf der Welt gibt es, seit der Existenz der Menschheit, Millionen verschiedener Orte. Diese Orte, von denen ich spreche, kann man nicht mit dem Zug oder dem Auto erreichen, sondern nur über einen anderen Menschen. Wenn zwei Menschen sich so nahe kommen, dass ihre Leben miteinander verschmelzen, dann besitzen sie einen gemeinsamen Ort, den Ort ihrer Beziehung. Zu Beginn liegen dort nur wenige Steine, vielleicht wachsen schon ein paar Vergissmeinnicht.

Ich erinnerte mich an diese Philosophie mit einem Lächeln, als ich mich in den blauen Plüschsitz im Kinosaal setzte, denn auf der Leinwand räkelte sich ein blondes Mädchen in einer Blumenwiese, neben ihr ein Junge, der seinen Blick nicht von ihr abwenden konnte. Die beiden bauten gerade am Fundament eines Beziehungsschlosses. Ich griff nach der Hand meines Freundes, er blickte mich verwirrt an, dann lächelte er, beugte sich zu mir und küsste mich auf die Wange. Ich spürte die Wärme und die Weichheit seiner Lippen auf der Haut, aber sonst nichts. Während vor uns auf der Leinwand der Junge und das Mädchen einen sonnigen Tag zusammen verbrachten, der wohl als Symbol ihrer gesamten Jugend gemeint war, dachte ich wieder an die Häuser oder ganzen Städte, die ich gemeinsam mit anderen aufgebaut hatte. Der Ort, an dem mein Freund und ich gerade arbeiteten, war noch nicht sehr alt, auch nicht groß. Ich sah ihn lediglich als einen kleinen Schuppen, die Brettertüre stand offen. Drinnen gähnende Leere, bis auf einen Fernseher, ein grünes Sofa mit Spitzendeckchen über der Lehne und einen kleinen Kasten. Als hinter mir der Wind die Tür zu schlug, überfiel mich sogar in meiner Fantasie Panik; sie ließ sich nicht mehr öffnen. Ich vernahm ein Lachen und stellte erleichtert fest, dass das Mädchen den Jungen endlich geküsst hatte. Mein Freund starrte gebannt auf die Leinwand, ich starrte ihn an.

Dieser schäbige Schuppen war wirklich der Ort unserer Beziehung? Er spürte nicht, dass ich ihn ansah und stopfte sich weiter Nachos in den Mund. Es wurde dunkler im Kino, im Film war die Nacht hereingebrochen, es regnete in Strömen und das junge Paar, jetzt etwas älter, suchte unter einem Baum Zuflucht. Wovon der Film handelte, könnte ich später immer noch von meinem Freund erfahren, denn ich sah nur eine alte Steinmauer, die im Hintergrund des Filmbildes emporragte. Ich schloss die Augen und fand mich an einem verlassenen Ort wieder, vor mir ein weißes Gutshaus, an das ein breiter Turm anschloss. Rosen krochen die Wände hoch und in einem kleinen Blumengarten, der die Vorderseite des Hauses umspielte, glitzerte ein grüner Teich. Ich hörte ein Lachen in der Ferne, oder kam es aus dem Haus? Mir war, als läge eine sanfte Musik in der Luft, die mich einlud näher an das Gebäude heranzutreten. Als ich den Fuß auf die Schwelle setzten wollte, zerriss ein Schluchzen die harmonischen Klänge. Zuerst war es ein, in unregelmäßigen Abständen wiederkehrendes, leises Wimmern, dann wuchs es an zu einem Schluchz-Orkan an, bis ich mir die Ohren zuhalten musste, weil die Schreie mir fast das Trommelfell zerrissen. Das Licht schwand, denn die Sonne wurde von schwarzen Wolken verdeckt. Regen fiel vom Himmel, aber das war kein Wasser. Die Tropfen, die das Gutshaus trafen, fraßen sich in die Substanz wie Säure. Ich ging im Türrahmen in Deckung und beobachtete gebannt wie der weiße Stein sich schwarz verfärbte und wie heißes Pech auf die Wiese floss. Als der Regen abklang, waren nur noch die Grundmauern übrig, das Wasser des Teiches hatte sich braun verfärbt und wo Gras und Blumen gewesen waren, dampfte eine schwarze, matschige Brühe. Eine Hand legte sich auf meine Schulter, ich riss die Augen auf und sah das Gesicht meines Freundes ganz nah an meinem. Ich zuckte zurück und prallte gegen die Lehne, er verzog das Gesicht und ließ sich wieder in den Sessel fallen. Ein Blick auf die Leinwand zeigte mir, dass ich gerade einen romantischen Kussmoment verpasst hatte. Lustlos schloss ich meine Augen, um noch einmal an den düsteren Ort zurückzukehren. Es war dieselbe Ruine des Gutshauses, doch jetzt glaubte ich bereits Spinnweben zwischen den Steinen schimmern zu sehen und im Wasser trieben welke Blätter. Ich hörte wieder das Weinen, doch es war so unscheinbar geworden, dass es mit den Bewegungen des Windes verschmolz. Ich blieb unbewegt und betrachtete den Beziehungsort, an dem einst ein Zuhause gestanden hatte, zu schön um wahr zu sein. Mehr und mehr Staub und Abfall sammelte sich auf der Ruine, bis mich der Ort ein einen vertrauten erinnerte, einen an dem ich selbst einmal gewohnt hatte. Wie ferngesteuert betrat ich den Haufen Steine, der von einem Platz zeugte, der alles gewesen war für zwei Menschen. Ein Fensterrahmen stand noch zwischen den Steinen, ich setzte mich auf den Boden und blickte durch die Öffnung hinaus. Was für ein einsamer Ort, hier war lange niemand gewesen. Aber als mein Blick, durch das Fenster hinausschauend, umherschweifte, erkannte ich, wie angereichert diese Gegend war. Ich beobachtete mich selbst in vielfacher Ausführung wie ich lachend über die Wiese tanze, sah mich in den Armen des Vertrauten, der außer mir als Einziger diesen Ort betreten durfte.

Ein Aufschrei riss mich aus meinem Tag-Kino-Traum. Ich erkannte das Mädchen und den Junge kaum wieder, sie mussten mindestens 30 Jahre gealtert sein. Ich wusste nicht was passiert war und verfolgte nur, wie die Frau wütend davonstürmte, er hinterher. „Schatz“, sagte ich. Mein Freund wandte widerwillig seinen Blick von der Leinwand ab und blickte mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ich muss gehn’. Mein letzter Ort ist noch zu voll“, flüsterte ich, während ich mich aufrichtete. Ich wusste nicht, ob er mir nachsah, aber ich rannte noch, als die Kinotüren hinter mir zu schlugen.