Ich wollte sie alle loswerden: meine Eltern, meine Freunde und die Menschen, die sich von allen Seiten ständig in mein Leben drängten. Warum? Weil sie mich zu der Person machten, die ich war … seit geraumer Zeit. Natürlich war mir klar, dass meine Entscheidungen meine Entwicklung zu dem Mann, der ich heute war, beeinflusst hatten. Doch darum ging es mir nicht. Die Schuld der anderen lag darin, dass sie mich mit ihrem Bild von mir in einer Schablone festhielten. Anstatt mich selbst umzubringen, sah ich nur noch den Ausweg, mich meiner Sozialumgebung zu entziehen und alles darin zurückzulassen. Es war an der Zeit, mich zu häuten. Ein klein wenig Bedauern fühlte ich, als ich meine Wohnung abschloss und daran dachte, dass alles darin nicht mehr in mein Leben gehören sollte, keine Fotos, keine Bücher, keine Erinnerungen. Doch sobald ich auf der alten eisernen Brücke meine Wohnungsschlüssel in den Fluss warf, fiel die Traurigkeit von mir ab und versank in dem schlammig-braunen Wasser. Ich lachte und blieb einfach stehen, es begann zu schneien und ich blickte empor zu den weißen Flocken. Die Passanten schauten mich tadelnd an, doch ich lachte weiter, immer lauter, mit meiner alten Stimme, die ich bald gegen einen neue austauschen würde. Noch gab mir diese Kleinstadt, in der ich die letzte fünf Jahre während meines Studiums gelebt hatte, eine gewisse Identität, doch ich war bereits auf dem Weg zum Bahnhof, wo ich in einen Zug steigen würde, der mich an den Ort meiner Neuerfindung bringen sollte.

Während ich auf den Fernzug wartete, rauchte ich eine letzte Zigarette, denn das Rauchen würde ich auch in dieser Stadt lassen. Der erste Zug, der kreischend in den leeren Montag-Mittags-Bahnhof einfuhr, hatte sein Ziel im Osten Europas, in einer Stadt, von der ich kaum je gehört hatte. Ein ungewisser Ort für meine noch ungewisse, neue Identität. Ich stieg ein, der ganze Wagen war leer und so setzte ich mich auf einen 4-er-Platz und streckte mich auf zwei Sitzen aus. Der Zug, ein etwas älteres Modell mit fleckigen, zerschlissenen, blauen Sitzüberzügen, setzte sich in Bewegung und der schöne, gerade erst fertiggestellte Bahnhof glitt an mir vorbei. Dann folgten die heruntergekommenen Häuser der Bahnhofsgegend, die Hochhäuser, die schließlich den billigen Einzelhäusern mit Vorgarten Platz machten. In der Vorstadt hielt der Zug nur wegen einer einzigen Person, die zudem nicht besonders freundlich wirkte. Der Körper versank in einem formlosen, schwarzen Mantel ohne Alter und ohne Stil. Der kantige, ansonsten wenig bemerkenswerte Kopf wurde von einer blauen Wollmütze bedeckt, darunter verbarg sich vermutlich ohnehin nur eine Glatze. Ich fühlte Unruhe in mir aufsteigen, der Fremde lenkte mich zu sehr von der sich vollziehenden Auslöschung meines alten Selbst ab. Der Zug kam genau so zum Halten, dass mein Wagen der nächste für ihn war. Er stieß die klapprige Türe auf, sodass sie gegen die Sitzreihe prallte, mein verärgerter Blick traf ihn – ohne Reaktion seinerseits. Er trug schwere Winterstiefel, die gewaltsam laut die Geräuschkulisse des wieder fahrenden Zuges verdreckten und ihn ausgerechnet zu meinem 4-er-Platz führten, wo er sich in den Sessel mir gegenüber fallen ließ. Suchte dieser Mensch den Sinn seines Lebens darin, sich besonders eklig zu verhalten? Unverwandt starrte er mich aus seinen kleinen, braunen Augen an, deren Hässlichkeit besonders dadurch zur Geltung kam, dass die Augenbrauen gänzlich fehlten. Ich wollte ihn anschreien, ihn fragen, was er von mir wollte. Aber von seinem Blick aufgespießt, flüchtete ich mit meinen Augen aus dem Fenster. Meine Strategie, ihn weg zu ignorieren, gab ich nach gefühlten Stunden auf. Sein Starren raubte mir den Nerv, bis ich genug Entschlossenheit gesammelt hatte, ihn mit seinem asozialen Verhalten zu konfrontieren. Mühsam drehte ich meinen Kopf zu ihm hin, Stück für Stück, bis er genau in der Blicklinie des Fremden einrastete. Seine Augen trafen meine und ich widerstand heldenhaft dem Drang, mich weg zu ducken. „Warum schauen Sie mich an?“, würgte ich hervor.

„Wie kommst du darauf, dass ich dich anschaue?“, sagte er mit einer überraschend klaren Stimme, die seinem rauen Äußeren widersprach. Sprachlos ob der Tatsache, dass er meine formale Anrede ignoriert und eine derart lächerliche Frage gestellt hatte, starrte ich ihn jetzt mit offenem Mund an. Er blieb unbewegt, so als könnte sein Gesicht nur diesen einen leeren Ausdruck hervorbringen.

Mit ungewohnt lauter und grober Stimmlage platze es aus mir heraus: „Sie starren mich eindeutig an! Was wollen Sie von mir?“

Erst reagierte er nicht, dann zogen sich seine Mundwinkel nach oben, die Augen blieben unberührt. Er hustete ein trockenes, monotones Lachen hervor. „Du bist naiv, glaubst dass alle was von dir wollen. Niemand interessiert sich für dich.“

Seine Worte trafen mich wie die glühend kalten Eisnadeln, die gegen das Zugfenster prallten. Wer war dieser Mensch, der so respektlos mit mir sprach? Ich musste weg von hier, gegen dieses Ekel kam ich nicht an, er würde mich nicht in Ruhe lassen. Also erhob ich mich möglichst würdevoll und wollte auf den Gang treten, aber er stellte seinen Fuß dazwischen, sodass ich abrupt abstoppen musste und fast hingefallen wäre. Ich konnte mich gerade noch an der Lehne des Sitzes festhalten, nach Luft schnappend sah ich ihn an. Mir begegnete der selbe ruhige, herablassende Blick aus diesen kalten, braunen Augen.

„Wo willst du hin?“, fragte er.

„Das geht Sie nichts an!“, zischte ich. „Lassen Sie mich sofort vorbei!“

„Und ich dachte, du willst verschwinden, aufhören zu existieren? Meinst du es reicht, einfach deinen Wohnungsschlüssel wegzuwerfen und in einen Zug zu steigen? Du bist erbärmlich“, er lachte.

Mir blieb der Atem weg, alle diese Dinge konnte der hässliche Fremde unmöglich wissen. Wer war er?

„Wenn du wirklich glaubst, dass deine unbedeutende Identität so sehr von deinen Freunden abhängt, warum hast du sie nicht einfach aus dem Weg geschafft und nicht dich selbst?“, fügte er hinzu und entblößte einen zahnlosen Mund.

Ich wollte aufschreien, aber mir fehlte die Luft, ich hatte schon wieder vergessen zu atmen.

„Woher … Was …“, versuchte ich einen Satz, aber die Wörter brachen vor Verwirrung über mir zusammen.

„Nein“, schnitt er meine Gedanken ab und stützte sich auf seine Knie zu mir hin. „Du traust dich nicht, dein Umfeld zu beseitigen, also beseitigst du dich selbst. Eine gefährliche Entscheidung, denn du weißt weder wer du werden könntest, noch ob dein altes Ich sich einfach kampflos beseitigen lässt“, flüsterte er und ein Schwall modrig-süßlichen Atems traf mich im Gesicht

Ich wich zurück und würgte. „Sie reden Blödsinn“, brachte ich hervor und machte Anstalten, mich erneut zu erheben und zu flüchten.

„Warte“, sagte er und seine Stimme klang plötzlich fast freundlich. „Du weißt, dass du nicht fort kannst, oder? Wünsche erfüllen sich.“

Bei diesem letzten Satz spürte ich die Kälte meinen Rücken hinunterkriechen. Ohne mich noch einmal umzudrehen, ging ich durch den Waggon auf den Ausgang zu. Draußen rasten vereiste Bäume vorbei, hier schienen keine Menschen zu leben, denn die Häuser fehlten in der Landschaft. Die Türe ließ sich zu meinem Erstaunen während der Fahrt öffnen und der Schnee wurde hereingeweht. Eine weiße Wolke, die mir die Sicht versperrte. Ich trat in ihren bodenlosen, weißen Körper und spürte kaum wie ich aus dem Waggon geschleudert wurde und mehrmals gegen die Räder des Zugs prallte, bis mein Körper zerfetzt neben den Schienen im Schnee liegen blieb.

Der Mann im schwarzen Mantel blickte aus dem Fenster, einige dunkelrote Spritzer mischten sich mit den schmelzenden Schneeflocken und bildeten Rosa Tropfenspuren auf der Scheibe, die der Farhrtwind zu einem Wellenmuster malte. „Na, endlich. Das war schwerer als erwartet“, flüsterte er gedankenverloren.