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Die Ruhe vor dem Schreibsturm | 2. Brief

Lieber Alexander,

willkommen zurück in der Wirklichkeit des Alltags, wo sich auch Kurzgeschichten wie Romane anfühlen können. Kennst du das Gefühl, wenn ein Manuskript im Geschrieben-Werden feststeckt und das herbeigesehnte letzte Kapitel so weit entfernt scheint wie die Malediven von Wien?

Immer wieder versinke ich im Treibsand der Wörter und nicht nur wegen mangelnder Disziplin, Planung oder der Angst vor dem inneren Kritiker. Hast du dich schon gefragt, warum manche Schriftsteller trotz Familie und Beruf erfolgreiche Bücher veröffentlichen und andere, die den ganzen Tag Muse treiben, kein Manuskript zu Ende bringen? Zeit zu haben ist kein Allheilmittel.

Wie Schriftsteller den Buchstaben das Fürchten lehren

Was ist also der Unterschied zwischen einem Schriftsteller, der ein Buch zu Ende schreibt und einem, der sein Leben lang auf den ersten Seiten kleben bleibt? Wenn ich das auf den Punkt bringen könnte, dann würde ich auf jeden Fall einen Schreibratgeber verfassen. Nur fürchte ich, dass die Antwort zu einfach auszusprechen und zu schwer umzusetzen ist. Wie es meistens läuft bei bei Vorschlägen à la „Du willst abnehmen? Iss halt weniger …“

So könnte man auch sagen „Du willst einen Roman schreiben? Dann schreib halt mehr.“ Wenn es so leicht wäre …

In Zeitschriften, Ratgebern und im Internet lese ich fast ständig diesen einen Satz: Wenn du Autor werden willst, musst du viel schreiben. Klingt logisch, oder? Ich glaube aber nicht, dass das der beste Rat ist, den das Musenreich anzubieten hat. Es ist überwältigend und furchtbar unspezifisch. Man wird damit ungefähr so viel Erfolg haben, als wenn man sich vornähme, einfach mal mehr Sport zu machen. 

Das Problem ist also für viele Leute nicht, dass sie nicht schreiben können, wollen usw. Ich glaube es handelt sich um eine Schreiblähmung, die beim Anblick der Medusa entsteht – der Überforderung. Dieses riesige Ziel „mehr schreiben“ macht auch meine Inspiration mit einem Schlag platt wie eine fette Fliege auf der Fensterscheibe. Und nein, ich schreibe jetzt nicht von SMART Goals und dergleichen, man muss nicht Projektmanagement studieren, um Schriftsteller zu werden.

Allerdings wäre ein bisschen Ruhe vor dem Schreibsturm hilfreich. Ein Moment des Nachdenkens. Beginnen wir beim Anfang:

„Was möchte ich überhaupt schreiben?“ 

A) Das kannst du nicht beantworten? Dann ist es Zeit, etwas mehr zu lesen und sich in der Welt herumzutreiben.

B) Alles klar? Aber du hast Angst anzufangen, weil es ja nicht funktionieren könnte? Ich mache es tatsächlich so, dass ich „einfach schreibe“, wenn ich Angst habe, an einem Projekt weiterzuarbeiten. Ich öffne eine neue Seite in Word und schreibe eine Mischung aus all den Ideen, die mir in letzter  Zeit gekommen sind. So öffnen sich die Schleusen und irgendwann bin ich bereit, an meinem eigentlichen Projekt weiterzuarbeiten. Dann ist die Angst den Bach runter gegangen.

Und nein, es ist nicht das Schlimmste, ein Manuskript nicht zu Ende zu schreiben. Denn manche Geschichten haben kein Ende und andere wiederum brauchen viel länger um zu wachsen. Nach einer Pause kommt die verloren geglaubte Story in verwandelter Form wieder und dann bricht der Schreibsturm los. 

PS: Lieber Alexander, mir scheint für dich käme wohl die berühmte Sommerfrische in Bad Aussee in Frage. Wie wäre es in geistiger Gesellschaft von Hermann Broch?

Lies den neusten literarischen Brief von Alexander Tschirk auf seinem Blog.

2 Comments
  1. Alexander Greiner

    August 24 7:49

    Darin liegt die Essenz: »Denn manche Geschichten haben kein Ende und andere wiederum brauchen viel länger um zu wachsen.« Es ist wie beim Gärtnern. Wenn wir etwas Neues pflanzen, wissen wir nicht, wie und wann es sich entwickeln wird, ob jemals etwas daraus wachsen wird, ob es Früchte trägt und der Samen für mehr taugt.

    • Effi Lind

      August 24 8:28

      So ist es. Es gefällt mir, wie du es nochmals betonst, denn das ist wirklich die Essenz vom Umgang mit Geschichten. Man kann nicht alle in ein normiertes Manuskript verwandeln.

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