Search

Der schreibende Voyeur | 3. Brief

Lieber Alexander,

beim Lesen der Szene über deinen Restaurantbesuch aus deinem Brief kommt mir unweigerlich eine Frage in den Sinn: Warum sitzt ein Autor so gerne in Cafés und Restaurants? Die Antwort hast du ebenfalls geliefert: Um andere Menschen zu beobachten, teilzuhaben am Geschehen ohne dazuzugehören. Er will mit der Einrichtung verschmelzen und dabei die Geschehnisse im Raum aufsaugen. 

Ein Autor schreibt nicht über sich – sondern über seine Leser

Ein Schriftsteller muss meiner Meinung nach ein Voyeur sein, der die größte Lust dabei empfindet zuzuhören, zuzuschauen und schlussendlich zu verstehen. Denn wer schreibt ist ein Gefäß, durch den die Inhalte der Welt hindurchströmen. Ein Fass, das permanent überfließt und gleichzeitig nach mehr Regen verlangt. 

Es wundert mich immer wieder, wenn Menschen eine Geschichte lesen und glauben, dass der Autor darin sein Innerstes bloßlege. Natürlich gibt es solche Fälle, aber ich glaube, dass die meisten Schriftsteller sich nicht selbst zwischen ihren Manuskriptblättern verstecken und hoffen, darin entdeckt zu werden. Die schreibende Spezies neigt vielmehr zum Diebstahl mit Augen und Ohren. Gierig nach den kleinen Erlebnissen anderer, die sich zu wunderbar literarischen Elefanten aufblasen lassen. 

Damit bestreite ich nicht, dass man einen Autor über sein Werk auch als Person kennenlernen kann. Ich sehe das Lesen eines Romans als persönliches Gespräch mit dem Autor, bei dem ich  in Gedanken antworte und mich mit dem Stoff auseinandersetze. Was ich dabei vom Schrfiftsteller als Mensch mitbekomme ist die Brille, durch die er sein Leben wahrnimmt. Auch wenn er nicht über sich selbst schreibt, er schreibt immer durch sich und darin spiegelt sich ein großer Teil seiner Weltsicht wider. Allerdings ist es schwierig zu erkennen, welche Spuren der Autor unwillentlich in seinen Texten hinterlassen hat und welche er dort gepflanzt hat, um den Leser an der Nase herumzuführen.

Eine kleine Warnung vor den Schriftstellern

 Um fair zu sein, müsste ich hier also eine Warnung vor allen Schreibenden aussprechen: Sie wollen alles sehen, hören und verstehen. Sie ziehen Menschen mit Worten aus und dabei empfinden sie nicht die geringste Scheu oder Zurückhaltung. Wer großen Wert auf die eigene Privatsphäre legt, sollte sich fernhalten von schreibenden Voyeuren. 

Alles Liebe,

Effi Lind


Dieser Text bezieht sich auf einen literarischen Brief von Alexander Tschirk. 

1 Comment
  1. […] Liebe Stephanie, […]

Leave a Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

best life hacks picturing a girl typing on a typewriter
%d Bloggern gefällt das: