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Der Küss-mich-Blick

„Warum hast du mich nicht geküsst, als ich es noch wollte?“, fauchte sie in der vollen Lobby des Kinos und drängelte sich in Richtung des Eingangs, aber er hielt sie am Arm fest. „Ich wusste doch nicht, dass du es willst“, sagte er mit bebender Stimme. Sie funkelte ihn an: „Warum glaubst du, habe ich dich jeden Abend getroffen die letzten sieben Tage? Weil ich will, dass wir gute Freunde werden?!“

„Nein …“, ihm fiel kein Satz ein, um sich aus dieser Situation zu retten, er beschloss mit einem Seufzer, ihr seine Art des Denkens preiszugeben. „Du hattest nie den Küss-mich-Blick.“

„Den was?“, stammelte sie.

„Du weißt schon, Frauen haben diesen einen langen Blick, der klar und deutlich sagt – küss mich. Ansonsten muss man die Finger von ihnen lassen“, erklärte er.

Sie lachte und er ließ endlich ihren Arm los.

„Wieso lachst du?“, fragte er irritiert.

„Glaubst du wirklich an so was wie den Küss-mich-Blick?“, fragte sie zurück.

Anstatt zu antworten schüttelte er nur verwirrt den Kopf.

„Du hast wohl zu oft Casablanca gesehen. Ich wüsste nicht mal wie so ein Blick funktioniert“, sagte sie lächelnd. Vielleicht war er gar nicht mehr an dem Film, den sie gerade im Kino gesehen hatten, interessiert gewesen als an ihr. Oder an dem Kaffee in seiner Tasse, den er bei ihrem letzten Date getrunken hatte. Oder daran, dass es bei ihrem ersten Treffen geschneit hatte. Vielleicht war er einfach bloß ein bisschen dumm und verkopft.

„Oh“, sagte er nur, dann küsste er sie.

Seine Lippen trafen ihre unvorbereitet und verschlossen, sie stieß ihn weg.

„Was soll das?!“, kreischte sie.

„Du sagtest doch, dass Frauen nicht zeigen, wann sie geküsst werden wollen. Was bleibt mir also übrig, als es einfach auszuprobieren?“, sagte er verlegen und trat einen Schritt zurück.

„Das war nicht der richtige Moment“, hauchte sie und wischte sich über die Lippen. Plötzlich entkräftet ließ sie sich auf einen der Hocker im Eingangsbereich fallen. „Das war wirklich nicht der richtige Moment …“, wiederholte sie leise.

Sie schaute eine Weile auf ihre Füße wie sie vom Hocker baumelten. Als sie sich gefangen hatte, verließ sie das Kino und stapfte durch den Schnee nach Hause. Von ihm verabschiedete sie sich mit einem möglichst kurzen und möglichst unverbindlichen Wangenkuss, obwohl sie sich bereits heimlich darauf freute, ihn wiederzusehen.

Aber jetzt musste sie so schnell wie möglich alleine sein. Die Tür war noch nicht hinter ihr ins Schloss gefallen, da hatte sie sich schon die Stiefel von den Füßen gerissen und den Mantel auf dem Weg in ihr Zimmer abgestreift. Sie setzte sie vor die glatte, dunkel-schimmernde Fläche ihres Schminkspiegels und betrachtete ihr blasses Gesicht aus dem ihr eine rot-gefrorene Nase entgegenschimmerte. Darüber die etwas glasigen blauen Augen – was konnte sie aus ihnen herauslesen? Sie blickte sich selbst so intensiv in die Pupillen, dass alles um sie herum verschwamm, spitzte die Lippen und legte den Kopf schräg, aber sie entdeckte kein „Küss mich!“ darin.

Alles was sie an Augensprache zusammenbrachte war: „Fick mich!“ Das dafür eindeutig. Direktheit war ihre Stärke, sanfte und langsame Annäherung an einen anderen Menschen hatte sie bis jetzt kaum gebraucht. Sie gab das Spiegelglotzen auf und stützte das Gesicht in die Hände. Damit konnte sie nichts anfangen, denn sie wollte ihn nicht sofort im Bett haben; nicht schon wieder diese Geschichte. Auf ihrem Nachkästchen stand noch der kalte Kaffee von gestern.

Das Piepen ihres Telefons schreckte sie auf. Eine Nachricht von ihm: „Willst du wissen, wie der Küss-mich-Blick geht?“

Zehn Minuten später stand sie unter der großen Uhr am Rathausplatz und schaute auf die Scharen von Leuten, die sich in alle Richtungen gegeneinander schoben.

Er kam in einer Geraden auf sie zu und schien als einziger der Menschen sein Ziel genau zu kennen, in der Hand trug er eine rote Rose. Als sie ihn so sah, wurde sie wütend. Wenn er jetzt die Kitschnummer abziehen wollte …

Sein Lächeln schwand, als er näher kam und er ihren Gesichtsausdruck bemerkte.

„Du willst dich mit einer Rose für den Kuss entschuldigen?“, begrüßte sie ihn schroff. Er ließ die Rose sinken, wobei sich ein Blatt löste und zu Boden segelte.

„Entschuldigen wäre übertrieben.“

„Du hast mich geküsst wie ein Holzfäller“, stellte sie trocken fest.

Er wiegte sich von einem Bein aufs andere und schien nicht zu wissen was er sagen sollte. Um sie herum wuselten die Leute, redeten, lachten und schimpften, ohne von ihnen Notiz zu nehmen.

Sie wunderte sich, warum sie so hart zu ihm war, immerhin meinte er es offensichtlich gut. Aber sie wollte von romantischem Gesäusel wie dem Küss-mich-Blick nichts mehr hören.

„Die Erfüllung eines Wunsches ist immer eine Enttäuschung“, begann sie und hielt inne, dieser Satz klang wie ein Zitat, aber sie wusste nicht mehr, woher sie es hatte.

„Als du mich geküsst hast, hast du meine Sehnsucht durch die Realität ersetzt, das kann nur in einer Enttäuschung enden.“

Er schaute sie mit hochgezogenen Augenbrauen an und sie fuhr fort: „Ich mag dich trotzdem, hör nur auf so viel zu denken.“

Als sie ihn küsste, fiel die Rose auf den Platz unter der Uhr und dort blieb sie liegen.

 

 

 

 

7 Comments
  1. Ignotus W. James

    Januar 13 1:09

    Du schaffst es einfach jedes Mal mit deinen Worten zu verzaubern. Wie machst du das? Bist du selbst die Protagonistin? Ich werde das Gefühl nicht los in deinen Geschichtem steckt so viel Realität das es einfach nur du sein kannst die da spricht. Eine unheimlich gute Geschichte. Hat mein Herz für einen kurzen Moment geöffnet.

    • Effi Lind

      Januar 14 9:19

      Nein, oder doch? Ich weiß es selbst nicht so ganz. Ein Teil bin ich, der Rest ist ergänzt. 😉

  2. Ignotus W. James

    Januar 16 16:17

    Schöne Antwort 🙂
    Werde die neue Geschichte nachher lesen, und die neue Geschichte endlich zuende schreiben. Sei gefasst ^^ Ich glaube am Titel deuten zu können, dass wir sogar zum Teil das gleiche Thema haben ^^

    • Effi Lind

      Januar 16 16:19

      Diesmal ist es keine Geschichte. Ich schreibe auf diesem Blog auch anderes. 🙂 Aber ich bin gespannt, was von dir kommt.

  3. […] ausbrechen möchte, habe ich zur Abwechslung für meinen Freund und auch für mich einen Ausflug aus der Komfort-Zone geplant. Eine Führung durch eine Stadt, die er kaum kennt – […]

  4. Janine

    November 29 15:48

    Richtig schön geschrieben! Wow! Toll!

    • Effi Lind

      Dezember 1 10:47

      Danke! 😀

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