Vademekum
Denkanstöße Orte und Menschen

Von der Angst beim Zuhören – wenn ein Trumpl redet

Ich spüre meine Lebenskraft schwinden, wenn ich ihnen zuhöre.

Harte Klänge in ihren Stimmen und ich kann kein Ende finden. Kein Ende vom Zuhören. Ihre Gedanken füllen meinen Kopf, bis ich glaube, es sind meine eigenen. Ihre Gefühle überschwemmen meinen Körper. Ich müsste nur aufhören zuzuhören.

Ist ihre Welt schon zu meiner geworden?

Sie sind auf den Straßen und ihre Angst begleitet mich, verändert meine Sicht von dem, was ich gutgeheißen habe. Vielleicht erkenne ich mich selbst in ihnen wieder, in ihrem Hass. Eine Verteidigungsmaßnahme. Ich bin im Zuhören wieder zum Kind geworden, das seinen Eltern glauben muss, wenn sie von Gefahr sprechen. Ehrfurcht. Mein Optimismus ist gekränkt, meine Lebensfreude unwahrscheinlich. Was sie sagen klingt wie das Kratzen über die Tafel im Klassenzimmer, das ich nie verlassen habe. Niemand hat es je getan. Zahlen, abstrakte Werte sind nicht anzuzweifeln. Wer der Mathematik nicht glaubt, hat sie nicht verstanden.

Sie sprechen von den Bösen. Angst vorm schwarzen Mann. Bin ich ihnen hörig? Es gibt keine Zukunft ohne Gewalt. Keine Zukunft ohne die Entscheidung, wer sich durchsetzen darf. Ich bin bedroht, wir sind es. Die, die zum Wir gehören. Die anderen sind die Bedrohung.

Seit ich das Radio verstummen ließ, sprechen ihre Stimmen in meinem Kopf. Ich erkenne die Bilder, die sie entwarfen, in der Gegenwart. Sie sagen, sie werden uns führen. Wissen sie was wahr ist? Noch immer fühlen sie sich falsch an, ihre harten Worte. Aber meine Freunde, meine Eltern – ich höre denselben Klang aus ihren Mündern. Haben sie doch recht, wenn auch die Guten daran glauben?

Nichts ist sicher. Niemand wird es sein.

Wieso bleiben ihre Worttaten trotzdem haften in den Windungen meines Gehirns? Ich kann mich nicht weigern, ihnen zu vertrauen. An was soll ich sonst glauben? Gott ist widerlegt. Identität gibt es nicht mehr. Was bleibt sind nur Punkte, die sich fragend aneinander reihen.

Eine Bombe hat eingeschlagen, in meinem Wohnzimmer. Eine Bombe voll Gesinnungsgas. Sie wollen ein Sprachrohr sein und geben uns die Worte, ihre Worte, um sie hindurchzurufen. Einheit. Für Flucht ist kein Ort günstig. Worte wandern schneller als die müden Füße. Worte winden sich durch Körper, befallen die Zungen und pflanzen sich fort im Kuss eines Gesprächs.

Sie sagen, wir sind nicht mehr zu retten. Ich bin nicht zu retten, vom Zuhören. Und sprechen kann ich nicht, was habe ich noch zu sagen, was nicht gefährdet ist?

Sie sind in der Mehrheit, versprühen ihren Triumph. Mein Schweigen wächst heran. Ich stricke jetzt einen Mantel für die kalten Tage. Darin ein Versteck vor ihrer Prophezeiung und vor ihrem Schutz.

Angst, eine praktische Empfindung, die alles entschuldigt. Amen. Ich will sie mir aus der Seele schneiden. Sie ist stärker als ich. Wo sind die Erwachsenen und ihre trostvollen Worte? Es gibt sie noch, doch die Sprechenden sagen, ihnen wäre nicht zu trauen. Konflikt. In der Zukunft.

Verloren, nichts trägt. Sie beseitigen die Hoffnung wörtlich. Wer sind wir, die ihnen zuzuhören?

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2 Comments

  • Reply
    Myriade
    Februar 22 at 20:10

    Was für ein interessantes Bild !

    • Reply
      Effi Lind
      Februar 22 at 20:11

      Danke :). Das ist, wie die meisten hier, von meinem Bruder.

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