Im Morgengrauen erwachte sie neben dem alten Urturm.

Der Schatten hatte sich aufgelöst, wohin, das hatte sie nicht beobachten können. Hauptsache er war weg, verschwunden. Trotzdem schien der Mond weiter und der Turm stand noch am selben Fleck, auf dem ihn einst fleißige Hände von einem Gedanken in steinerne Realität verwandelt hatten. Man hätte glauben können, hier habe nie ein Schatten gelegen, gelacht und getanzt – sie glaubte dennoch an seine Existenz, weil sie sich noch an seinen Geruch erinnerte, nachts war er in ihrem Haar hängen geblieben und hatte sich über die Zeit in einen penetranten Gestank der untreuen Worte verwandelt.

Sie wusste nicht, ob ihr Gesicht noch immer schwarz-weiß gestreift von den Linien eingetrockneter Tränenrinnsale leuchtete unter dem Heiligenschein der Straßenlaterne – es gab hier draußen keine heilen Fenster, die ihr als Spiegel zu Verfügung standen. Sie war frei zu gehen, oder?

Zögerlich wagte sie es, dem zarten Licht zu trauen, das den Turm so gerade und schlicht schön erscheinen ließ, schön wie damals, bevor sie hier auf dieser steinernen Mauer eingeschlafen war und sich mit dem Schatten zugedeckt hatte. War er zum Mensch geworden?

Nein, kein Gedanke an ihn. Wenn man an etwas denkt, existiert es schon halb. Als sie aufstand spürte sie, dass sie zu lange hier gesessen hatte, ihre Schritte fielen zu klein und zu mechanisch aus. Wie die einer Braut, die vor dem Altar mit der Bibel verprügelt worden war, sich aus der Kirche schleppt, so brachte sie den Weg über das Kopfsteinpflaster in Richtung Straße hinter sich. Noch zwei, noch eine – zählte sie die Straßenlaternen bis zur nächsten Hausecke.

Dann verschwand der Turm aus ihrer Sichtweite und der Boden unter ihren Füßen ebnete sich zu einer glatten Fläche, so glatt, dass sie kaum die Beine heben musste, um sie zu bewegen. Der alte Mantel, der lose um ihre Schultern lag, rutschte wie von unsichtbarer Hand gezogen zu Boden und blieb am Randstein liegen.

Dieses Kleid hatte sich schon alt getragen, sie versuchte gar nicht, es festzuhalten, als die Träger von ihren Schultern glitten und der Schmetterlingsstoff sich von ihrer Haut verabschiedete, für immer. Darunter bliebt nichts zurück bis auf den Rest und der Rest blieb die Wahrheit. Nackt kam sie nach Hause und legte sich nach langer Zeit wieder in ihr eigenes Bett.

Effi Lind

8 Comments

  1. Ignotus W. James Reply

    Durch solche kleinen Geschichten formt sich in meinem Kopf langsam ein Bild, und sie lassen die wirken wie eine Kunstfigur (hoffe du fasst das richtig auf). Du hast recht, ich finde die Fragen, die allein diese Geschichte aufwirft, gut.
    Und sie machen meinen Tag interessanter ^^

    • Effi Lind Reply

      Was meinst du mit Kunstfigur? Die Geschichte ist tatsächlich sehr abstrakt geschrieben. 🙂

  2. Ignotus W. James Reply

    Ein Mensch, dessen Leben ein Theaterstück ist, welches dieser jeden Tag weiterschreiben muss und immer aufrecht erhält, weil so das Show business ist.
    Der abstrakte Schreibstil gefällt mir, du hast ihn worklich genauso drauf wie alles andere. Das fasziniert mich.

    • Effi Lind Reply

      Danke dir. Interessanter Gedanke, ich mag, was du darin siehst.

  3. Ignotus W. James Reply

    Ich denke, später diesen Abend werde ich anfangen eine Geschichte zu schreiben..die damals nur als Entwurf existiert hat. Muss mich dafür ziemlich tief in meinen Kopf zurückziehen, sozusagen in eine sehr dunkle Ecke. Drück mir die Daumen.

  4. Bitte entschuldige mein Wortspiel. Morgengrauen…. oder es graut dem Morgen. Als Mann habe ich ähnliches selber erlebt. Allerdings war ich nicht nackt dabei,Aber mann muss nicht nackt sein, um sich nackt zu fühlen. Eine Nacktheit, die unter die Haut geht. War ein schrecklicher Tag als Straßenmusiker. Ich finde es ist sehr schön geschrieben. Grüßle Luke.

    • Effi Lind Reply

      Ich find das Wort „Morgengrauen“ trifft das Gefühl, wenn der Zauber der Nacht vorbei ist, oder der Zauber von etwas Anderem. Es ist das Erwachen mit Grauen. Als Straßenmusiker sieht man in der Kategorie sicher einiges. 🙂

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