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Kreativer Moment

Kreativer Moment – Chaos

Auf dem Schreibtisch stapeln sich aufgeschlagen Bücher, die du niemals fertiglesen wirst, ein Joghurtbecher, drei Gläser mit braunen Kaffeespuren und ein paar Muscheln, die du aus dem Urlaub mitgebracht hast. Ein Mischmasch aus Versatzstücken, Alltag, spontanen Einfällen und Zufall.

Du wischt einige Sachen beiseite und legst einen Block auf die freie Fläche, das Papier hat etwas zu viel Kaffee abbekommen, aber es reicht, um darauf zu schreiben. Der Kugelschreiber berührt die weiße Fläche und entschließt sich zu kringeln, bis daraus ein erstes Wort wird. Stattdessen malst du ein Ungeheuer mit vielen Augen, das mit seiner Zunge über das Papier leckt. Du durchsuchst deinen Kopf und findest einen ganzen Haufen brauchbarer Worte, aber wie hängen sie zusammen? Wie willst du daraus eine Straße bauen, die zu einer annehmbaren Geschichte führt?

Deine Hand fasst sich ein Herz, rast ohne Plan über das Blatt und hinterlässt eine Spur kreativer Verwüstung, die spätestens nach vier Zeilen wieder abreißt. Du beginnst von vorne, die Kraft deiner Idee verpufft wieder und wieder, bis du dich auf einer Müllhalde von Ideen wiederfindest. Oder ist genau das der fruchtbare Humus, auf dem du dir ein Pflänzchen, zumindest eine Kurzgeschichte, ziehen kannst?

Du brauchst deine Wohnung nicht aufzuräumen, bevor du schreibst. Das kannst du dir fürs Überarbeiten des Textes aufheben. Eine Geschichte entsteht aus dem Verschmelzen verschiedener Gedanken, Ideen, Erinnerungen, die eben durch das Chaos zueinander finden. Aus der Ordnung entstehen praktische Dinge, aber das Chaos gebiert die Genialität – manchmal, sie lässt sich leider nicht errechnen.

Warum dein Chaos dich weiterbringt

Hirnforscher sind sich darüber einige, dass Chaos und Genialität untrennbar verknüpft sind. Das Chaos birgt kompliziertere Strukturen, Dynamiken und Entwicklungen hervor als jede vom Menschen erfundene Ordnung. Alle Elemente beeinflussen und verändern sich gegenseitig, sodass ständig Neues entsteht.

So ist es auch in deiner Geschichte. Du hast vielleicht viele Bilder, Szenen und Figuren im Kopf, die noch gar nicht oder nur lose miteinander verknüpft sind. Allein dadurch, dass sie da sind arbeiten sie schon miteinander. Deine Geschichte entwickelt sich von selbst weiter, wenn du über sie nachdenkst oder die einzelnen Elemente miteinander assoziierst.

Also ist eine chaotische Geschichte kein Problem?

Das Gefühl eines Problems entsteht dann, wenn du den Eindruck hast, die Geschichte in ein Schema pressen zu müssen. Modelle vom idealen Handlungsaufbau sind nützlich und funktionieren, aber wahrhaft genial ist eine Geschichte, die ihren eigenen Regeln folgt und die damit überzeugt. Schemata, Modelle und Strukturhilfen können sich verändern. Es entwickeln sich ständig neue Ansätze. Darum lohnt es sich auch, intuitiv zu schreiben oder manchmal das innere Chaos aufs Papier zu lassen. Daraus entstehen Ideen, die du mit einer strukturierten Herangehensweise niemals entdeckt hättest. Mehr zu diesem Thema findest du hier.

Zu guter Letzt: Ein Beispiel für eine Autorin, die aus dem (augenscheinlichen) Chaos ihrer Wohnung Literatur schafft. Friedericke Mayröcker

6 Comments

  • Reply
    Afik
    September 18 at 20:18

    Wunderbar!

  • Reply
    James M Leggate
    September 20 at 13:02

    Oh Gott! Ice muss much sofort zurechtmachen und aufräumen.

    • Reply
      Effi Lind
      September 20 at 13:05

      Wieso? Korrigierst du gerade?

  • Reply
    Simulina
    September 28 at 9:40

    Jahrzehnte hat mich mein Chaos unglücklich gemacht. Das lag aber am fehlenden Ordnungssystem. Heute sorge ich dafür nicht zuviel Zeugs zu sammeln und die Dinge haben ihren Platz. Ständig musste ich die Dinge von A nach B schieben und von B nach C. Ich wusste nie wohin mit ihnen und so geriet vieles aus dem Auge, aus dem Sinn u. es kam öfter zu Doppelkäufen. So entschied ich mich irgendwann das Marie Kondo System anzuwenden (überlas dabei einfach ihren esoterischen Kram) was gut bei mir funktioniere, schon lange u. immer noch halte ich die Ordnung super gut. Jetzt bin ich wieder chaotisch in meinen Schaffensperioden, bin aber auch schnell wieder Ordnung wenn die Zeit dafür reif ist, weil fast alles seinen Platz hat. Darum sehne ich mich im Gegensatz zu früher nicht mehr nach Ordnung, wenn ich im Chaos sitze, weil hinter dem Chaos Ordnung herrscht😉

    • Reply
      Effi Lind
      September 28 at 11:05

      Das kann ich nur bestätigen. Ordnung in Chaos müssen in Balance sein, deswegen wird mein nächster Beitrag auch von der Ordnung und dem Schreiben handeln :). Was ist denn das Marie Kondo System? Und wie hat es dir geholfen?

  • Reply
    Simulina
    September 29 at 10:19

    Das ist jetzt gut zwei bis drei Jahre her und ich lud Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert v. Marie Kondo auf mein Kindle. Am schlimmstes störte mich Chaos immer im Bad, nach dem Schminken hatte nichts seinen Platz, irgendwann meine Lieblingsprodukte unter den Bergen nicht mehr usw. also las ich irgendwann aus Verzweiflung dies Ordnungsbuch, nachdem andere schon bei mir versagt hatten. Dies war anders, es gibt keine zweite Reihe mehr in Schränken, da darf nur noch Vorrat stehen. Alles steht in Kartons zum rausziehen u. rausnehmen auch in den Karton muss alles einzelne sichtbar u. übersichtlich sein. Meine Tücher habe ich z. B. klein gerollt in 2 länglichen flachen Kisten nach Farben sortiert. Nun trage ich meine Tücher wirklich, früher bei den Stapeln,, nahm ich den hinteren gar nicht mehr wahr und vom vorderen trug ich meist nur die oberen. Mir macht Ordnung das erste Mal im Leben Spass und ist vor allem leicht zu halten. Das Schminken ist für mich zu einem täglichen kreativen Prozess geworden. Es gibt Bereiche da braucht man Ordnung, nämlich da, wo es täglich schnell gehen muss. Auf meinem Schreibtisch sieht es eigentlich meistens aus, als hätte ich gewütet. Da ändert sich aber jetzt grad was. Es wird ne Trennung geben: nur PC Platz für meine Arbeit u. einen Kreativplatz. So das war es im Groben von jemanden der ales immer erst viel später wegräumt u. es auch nie lernen wird etwas gleich wegzurämen😂

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