Erlebtes Über Kreativität

Experiment – Stadtführung Level BLIND

Vor lauter Alles sehen wir nichts mehr. (Walter Ludin)

Wir sitzen doch alle gerne zu Hause und machen es uns gemütlich. Weil ich ab und zu aus dieser Gemütlichkeit ausbrechen möchte, habe ich zur Abwechslung für meinen Freund und auch für mich einen Ausflug aus der Komfort-Zone geplant. Eine Führung durch eine Stadt, die er kaum kennt – blind.

Wie es sich für ihn angefühlt hat, einen Tag lang nichts zu sehen:

Sie lächelt und sagt, ich soll ihr vertrauen. Dann verbindet sie mir die Augen mit einem weichen Schal und nimmt mich bei der Hand. Ich stolpere über meine eigenen Füße und das unebene Kopfsteinpflaster, an ihrer Schulter finde ich Halt.

Wohin gehen wir?

Etwas Lautes kommt auf uns zu, eine Straßenbahn, sie wird in uns hineinfahren. Meine Freundin drückt meine Hand und sagt: „Dir passiert nichts.“ Die Bahn fährt an uns vorbei, so nah, dass ich den Wind spüre. Mir ist nie aufgefallen, wie laut es ist, dieses Stadt-Monster.

Ich falle fast über eine Türschwelle, sofort dringen verschiedene Gerüche auf mich ein – asiatisch. Ich höre meine Freundin mit einer anderen Frau sprechen, dann führt sie mich an einen Tisch  und hilft mir, mich auf den Stuhl zu setzen. Das nächste was ich von ihr höre ist: „Mund auf.“ Ich rieche Honig und Salz, Hühnchen mit Honigkruste. Es folgen Sushi, Kuchen, Obst und einiges, das ich nicht einordnen kann. Diese Leckerbissen-Vielfalt bekommt für mich erst einen Sinn, als sie mir eröffnet, dass wir in einem Running-Sushi-Lokal sind.

Eine Männerstimme, ganz nah: „Dein Freund tut mir so leid. Hat er eine schwere Augenentzündung?

Ich lächle und schüttle den Kopf, obwohl ich nicht weiß, ob der Sprecher mich ansieht.

Wieder draußen im kalten Februar-Wind höre ich die Straßenbahn an mir vorbei rauschen. Die Hand meiner Freundin ist mein Anker, meine einzige Orientierung in einer klang-vollen Welt. Es ist eine Abhängigkeit die mich verletzlich macht, wie sehr bin ich auf meine Augen angewiesen.  Erst das Vertrauen, das nach und nach in mir aufkommt, erlaubt mir die Reise entspannt zu genießen. Ich muss heute nicht alles regeln, planen und vor allem nicht führen.

Am Ende des Tages bin ich unglaublich satt. Nach dem Sushi hat sie mich mit Pralinen, Gummibären und Kuchen gefüttert. In einem Café durfte ich schließlich die Augenbinde abnehmen und musste feststellen, dass ich das Kunsthaus-Café blind nicht erkannt hatte.

Das zeigt mir, was für visuelle Wesen wir sind. Dabei gibt es so viel mehr zu hören, zu schmecken und zu fühlen.

An diesem einen Tag war ich blind  für das Urteil der anderen Leute. Ich haben gehört, wie sie lachten und konnte nicht herausfinden, ob ich der Grund war oder ob ich nur im Vorbeigehen ihr Lachen gestreift hatte. Es war mir auch egal, weil ich mich innerlich frei fühlte.

nicht mehr blind

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6 Comments

  • Reply
    Beauty-Focus-Eifel
    Februar 24 at 6:37

    Ein tolles Experiment mit unendlich wertvollen Erfahrungen.
    Ich habe auch in meiner Ausbildung zur Betreuerin meine Heimat blind erkunden müssen.
    Nach anfänglicher Platzangst durch das „ewige“ Schwarz verursacht, habe ich mich schnell der Situation angepasst und mit den Ohren , und der Nase und dem Tastsinn „sehen“ gelernt.
    Man lernt die Welt mit anderen Augen zu sehen.
    Das ging aber auch nur durch das Vertrauen in meine Begleitung. Alleine wäre ich völlig hilflos gewesen.
    LG Annette

    • Reply
      Effi Lind
      Februar 24 at 8:19

      Toll, dass du diese Erfahrung auch gemacht hast. Ich finde so einen Perspektiven-Wechsel sehr
      bereichernd und inspirierend.

  • Reply
    Sabrina
    März 25 at 22:03

    schönes experiment! ♡ habe diese erfahrung auch schon mal machen dürfen, im rahmen einer ausstellung. wenn man den sehsinn ausschaltet, ist es unglaublich, wie stark man mit den anderen sinnen wahrnimmt!

    „man sieht nur mit dem herzen gut, das wesentliche ist für die augen unsichtbar.“ antoine de saint-exupéry

    • Reply
      Effi Lind
      März 26 at 23:21

      Ich finde es toll, in einer Beziehung immer wieder das Vertrauen zu einander zu testen und zu stärken. Außerdem ist es eine sinnliche Erfahrung.

  • Reply
    Samira-Jessica
    März 31 at 22:33

    Hey hey ^^,

    ich bin auf deinen Blog gestoßen, als ich gesehen habe, dass du meinem folgst – was mich sehr freut!
    Vor ein paar Tagen hab ich mich hier mal ein bisschen querbeet durchgelesen und dieser Beitrag hier ist sofort hängen geblieben! Warum? Weil mir der Stil davon einfach super gefällt und ich mich gefragt habe, ob den du oder dein Partner (?) geschrieben hat, weil er in der Sicht des anderen geschrieben ist.

    Liebe Grüße

    • Reply
      Effi Lind
      April 2 at 20:38

      Liebe Samira-Jessica, danke für deinen Kommentar. 🙂 Das ist eine lustige Geschichte. Tatsächlich habe ich ihn zuerst aus meiner Perspektive verfasst und ihn, auf die Anregung meines Freundes hin, dann aus seiner Perspektive geschrieben. Er hat mir natürlich genau beschrieben, wie er sich dabei gefühlt hat.

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