Vademekum
Meine Texte

Die nackte Geometrie

Die nackte Geometrie ist eine Geschichte, in der es um den Klang und um den Ort einer Beziehung geht. Es ist nicht die Zeit, an die wir uns erinnern, es sind die Orte, an denen wir geliebt haben. Dieser Text wurde außerdem von der „perspektive“ in Graz veröffentlicht. Am besten laut lesen.

Geradeaus. Aus einer Geraden zu ihm. Zurück im Zick-Zack, zerworfene, aufgerissene Vertiefungen. Verzogene Oberflächen, die ihre Schritte irreführen, sie zu früh am Asphalt stranden oder in der Luft hängen lassen. Die Straße ist abgerissen, verrissen, der Faden gerissen, den sie spannte um die Rillen und Konturen des Bodens. Eine Fahrbahn verläuft auf dem Platz, ihre Schienen schneiden silberne Spuren durch die schlammigen Profilmuster wie sie sich über den Straßenbelag spannen. Sie mag nicht zu ihm gehen und auch nicht von ihm, durch diese kriegsüberzogenen Bodenflächen, kein Stein mehr standhaft, keine Fläche, keine Unterfläche ist sicher, denn durch die Spalten ragen Spitzen, die auf diese zarten Sohlen warten. Im Mandala des herabfallenden Fußsohlengewirrs verschwinden die vergangenen Schuhe.

Kies knistert, küsst die stählernen Sohlen der Stadtbewohner, während sie eisbewachsene Einbahnpassagen entlang eilen, ächzt der Winter eingezwängt zwischen Stein und Stiefel. Einer sieht zwei freie Füße wasserwärts streben, entlang der losen Rillen des Kopfsteinpflasters, und folgt dem Geländer das die fremden Finger streifen.

Die Zehen lachen ihn an, eine ausgesprochen stumme Frage. Barfuß berührt er diesen Körper, die unregelmäßig entblößten Knöchel, eine Ahnung folgt ihnen um die einsame Ecke, ihre Wege gehen nicht parallel. Eillos leitet sie ihn auf der Randsteinkante den Kai entlang in sein, quadratisch ins Gebäude gesperrtes Apartment. Einige entflohene Filzstifte und Papierfetzen teilen sich die Tischplatte mit den Fußpaaren, verkreuzt.

Im zuendegehenden Winter zerrt er sie in ein Geschäft, da wächst ein Podestirrgarten, das blühende Schuhwerk, bewacht von einer feinen Verkäuferin, verstreut in den engen Gängen.

Auf wuchtigen Sohlen wandern die Stadtmenschen durch den Schneeschlamm, nun umsorgt er ihre Nacktheit, an diesem Lebenskoordinaten-Schnittpunkt schenkt er ihr ein Paar roter Stiefel. Die Schuhe stecken ihr wohin sie gehen soll. Sein Auge auf den Roten, ihr Auge auf dem Ausgang. Die Angestellte langt nach einer Seite: Männerschuhe um die Krümmung seines Charakters geformt, eben diesen verwahren sie vor den Unebenheiten des Untergrundes. Er und sie entweichen dem roten Salon als ungleiches Paar, er ist gewachsen – ihre Ebenen haben sich nur wenige Zentimeter verschoben – sie ist eingegangen. Nicht mehr in vertikaler Harmonie zu sich und den Straßenlaternen, zum Randstein und den Rillen zwischen den Pflastersteinen, entfernt sie sich, schuld sei dieses Wetter, schonungslos schlägt der Regen windschief in die Gasse.

Er steht noch in den russischen Schuhen, spiegelt sich in rußig-gläsernen Flächen und beschleunigt sich nicht, nach Hause zu schlendern. Sie bluten in den Straßenwinkeln an Stelle seiner Zehen, wenn er in die spitzen Scherben, von der letzten Stadtnacht ausgestreut, tritt und sie sammeln Kaugummifäden, die sich auf seinen Fußsohlen zu schwarz-verklebrigen Erinnerungspatronen gerollt hätten. Die Entfernung zum Brennpunkt seiner leichtfüßigen Vergangenheit verringert sich, er riecht Ordnung, ein Einbahnbrücken-Übergang, jeder Schritt in seiner neuen Rüstung ein Aufatmen.

Er zeichnet körperlich den Weg nach, wo sie gerade ging und da dehnt es sich auf dem Trottoir – eine Spur von ihr, eine sekundenlange Schnur, winzige Atemzüge führen bis auf ihre nackten Sohlen, gegangen an der Kante. Stadtmenschen sehen die gebrochenen Linien, er vermag es nicht, sie zu vermessen.

Er schlängelt sich durch das Gehsteiglabyrinth, versucht den Zebrastreifen zur anderen Seite, doch dort ist sie gestern vergangen. Sie verewigt sich schuhlos, verteilt sich bodennah. Das Wohnungsquadrat erreicht er sicher, hinaus aus der Reihe der Zufälligkeit, voll Wahrscheinlichkeit wartet sie vor der Türe mit versöhnlichen Augen und verschwärzten Fußsohlen. Im Raum steigt er aus dem roten Fußschutz, und reicht ihr einen Lappen für den Schmutz. Ihre Füße sind dicht, sie wischt sie leer, ehe sie ins Bett taucht und er vergisst sie, von der Decke verborgen.

Sie verschwindet noch bevor die Sonne einrastet in den Einfallswinkel der hart-fallenden Hausfassaden. Ihre nackten Stempelfüße drücken ihre Ahnung in den harten Asphalt, sie bauen wirre Verwerfungen und sie weiß, wenn er dieselben Wege wenige Stunden später beschreitet, dann stolpert er durch die Muster, reißt sich die Beine an den Kanten auf, verfängt sich in den Erinnerungsfäden und wickelt sich ein, schrittweise durch die Gehsteiglandschaft. Ihr Verliebter folgt ihr fußlos durch die Gräben – ein Punkt; sie ein Punkt – keine Geraden auf dem Weg, nur gekrümmte Flächen.

Sie sieht den Bruch des Bodens auf dem sie barfuß nach Innen wandert ­– eine verinnerte Begegnung, veräußert asphaltiert im Stadtplan.

Die nackte Geometrie - rote Schuhe

MerkenMerken

You Might Also Like...

1 Comment

  • Reply
    Jo
    März 6 at 8:31

    wow!!!

  • Leave a Reply

    %d Bloggern gefällt das: