Ich sah zu ihr herüber. Den ganzen Tag schon hatte ich mit der Müdigkeit zu kämpfen, also bestellte ich einen Kaffee, während sie gleichzeitig zwei Tische weiter einen Kellner mit kaltem, beinahe wütendem Blick fortschickte ohne etwas zu bestellen. Nachdenklich sah sie aus, bedrückt und irgendwie eingefroren, als wäre an diesem Morgen ihre Welt einfach stehen geblieben und als wüsste sie nicht, wann das Herz ihres Lebens wieder anfangen würde zu schlagen; morgen? Übermorgen?

Ich dankte dem freundlichen, gutaussehenden Kellner, der mir vorsichtig die Tasse hinstellte, vielleicht Italiener? Ich behielt ihn noch ein paar Sekunden im Auge, sein Gang brannte sich in meine Netzhaut, machte mich fast ein bisschen schwach. Ich wandte den Blick mit zusammengezogenenen Brauen ab und widmete mich wieder ihr, während ich mit meiner Hand in die Manteltasche glitt um das kleine Notizbuch herauszukramen. Immer noch ohne hinzusehen schlug ich es auf und blickte auf das, was sich mir bot. Die Monate alte Zeichnung, sie und ich.

Ein dunkles Zimmer tauchte in meiner Erinnerung auf, ein Finger auf meinen Lippen. Ihre Freundin schlief neben dem Bett auf einer Matratze.

Alles veränderte sich.

Ein Spaziergang im Wald, eine Kamera auf nassen Blättern über dem matschigen Boden.

Alles veränderte sich.

Mein Arm lag über ihrer Schulter, sie weinte. Sie sagte, sie könne nicht mehr, ich saß einfach nur da und schwieg; reden war nicht nötig.

Alles veränderte sich.

“Ich liebe dich…nicht mehr.”

Ich kam an der Höhle an, doch der Drachen wurde bereits bekämpft. Meine Aufgabe war getan, nur mein Gehirn begriff das nicht. Schon lange Zeit davor hatte ich mein Gehirn von meinem Herzen getrennt, es gehörte nicht mehr mir.

Sie hatte es damals verstanden wie keine Andere, mich um den Verstand zu bringen, besser als ich selbst; in allen Lebenslagen.

Gerade eben hatten wir noch zwischen all diesen Menschen gestanden, verkleidet wie sie. Wir hatten gelächelt für das Blitzlicht. Jetzt zog ich mein Jackett aus und streifte die Träger ihres Kleids herunter, küsste sie wie den einzigen, wirklich existierenden Menschen auf Erden, denn das war sie.

“Vielleicht war ich zu schwach gewesen”, drang es zwischen den Erinnerungen aus meinen Gedanken in meine Ohren. Ich korrigierte den Gedanken: “Ich war zu schwach”. Ich blickte wieder auf die Zeichnung. Ein Mann, gerade einmal achtzehn Jahre alt, eine alte, löchrige Jogginghose. Ich schaute an mir herunter. Die selbe Jogginghose, vielleicht ein paar Haare mehr am Kinn, ein Jahr später.

Ich hatte weglaufen wollen, weglaufen vor meiner Taubheit, weglaufen vor dem Gefühl nichts tun zu können, der Machtlosigkeit. Weglaufen vor Problemen, vor Streit und vor der Realität, meiner Realität, dem Versprechen einer echten Zukunft, das war lächerlich.

Mein Mundwinkel zuckte, zog meinen Kiefer, meine Wange, meinen ganzen Kopf mit sich.

Mein Herz ließ nicht los, davonlaufen hatte ich nie können; ich hatte ein Leben versprochen. Ich hatte meine Schullaufbahn erneut in die Hand genommen, um ein Leben bieten zu können, ein gutes Leben, ein erfülltes und glückliches; und war weggelaufen, jedes Mal aufs neue.

Ich hasste die Vorstellungen. Mein Herz war nicht erregt. Meine Gedanken waren es, schlugen gegen die Schädeldecke, ritzten unter der Haut, verspannten die Muskeln. Mein Herz war zu schwach um erregt zu sein. Es lief von Tür zu Tür, von Mensch zu Mensch, von Augenblick zu Augenblick. Es bot seine Dienste an, ein bis zwei Monate ohne Bezahlung.

Es..war..verblutet, wann wusste ich nicht mehr.

“Ich werde eine Auszeit brauchen.”

Meinen Kopf gesenkt, auf der Parkbank sitzend, hörte ich nur ihre Worte. Ich tat so als wäre es mir egal, als wäre es nichts, nicht die letzte Chance die ich vierzehn Mal zu oft gehabt hatte.

Sie bezahlte und verließ das Café.

Ich schlug das Notizbuch zu und stoppte den Kellner, der gerade an mir vorbeilief. Ich bestellte Whisky.

Ignotus W. James

Diesen genialen Text hat Ignotus W. James als Reaktion auf „Das erigierte Herz“ verfasst. Besucht seinen Blog auf: https://9ezow9.wordpress.com