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Das erigierte Herz

Das Herz ist eine erogene Zone und damit anfällig dafür, sich zu verhärten. Härte ist gefragt, zumindest in den meisten Bereichen des Lebens, sogar im Bett, wo man sonst im Schutz der Bettdecke ungestört weinen kann.

Doch wie schaltet man um, wenn plötzlich das Zarte und Nachgiebige gefordert wird?

Leider hatte ich davon keine Ahnung, was mich sowohl beim Paartanz als auch in meinen sonstigen Begegnungen mit dem männlichen Geschlecht behinderte. Kämpfen konnte ich, mich behaupten erst recht und wenn ich einen Mann wollte, dann nahm ich ihn mir. Nach einiger Zeit jedoch sagten sie mir alle dieselben Sätze: „Ich kann es dir nicht recht machen, du willst einfach zu viel“ oder „Du bist so hart zu mir“. Vor fünf Minuten hatte ich den letzten Satz von meinem Gerade-erst-Exfreund gehört. Jetzt saß ich alleine in einem traurigen Café. Zurückgelassen mit meinem erigierten Herz, fragte ich mich, wieso die im Leben so oft geforderte Härte mir in Beziehungen kein Glück brachte.

Ich spürte, wie mein Inneres mit jedem weiteren Schluck kalten Kaffees erstarrte, nein, erfror. Vielleicht hatte ich mir über die Zeit, durch meine dauernd scheiternden Beziehungen, zu viel Viagra für meine Gefühle verabreicht. Wenn ich unverwundbar werden wollte, war es mir fast gelungen, denn ich spürte nicht viel mehr als ein leichtes Zupfen an den Mundwinkeln – Enttäuschung, an die ich ohnehin gewöhnt war.

Vielleicht durften nur Männerherzen erigiert sein?

Sie besaßen immerhin das entsprechende Zubehör eine Etage tiefer. Ich seufzte, denn ich konnte mir oft selbst nicht erklären, warum ich auf Männer so unnachgiebig und kalt wirkte. Innerlich fühlte ich mich nicht immer so. Wenn man eine harte Schale hat, in seinem Inneren aber nicht stabiler ist als Glas – wie stellt man es an, diese Weichheit zur Schau zu stellen?

Öffentlich geheult hatte ich das letzte Mal, als ich meinen ersten Freund an der Bushaltestelle erwischte, wie er meine Schwester knutschte. Sie trafen sich nicht zum letzten Mal in meiner Lieblingsbar und sie hatten keine Scham, es auf der Toilette des selben Lieblingsetablissements zu treiben, wie meine Schwester mir später gestanden hatte. Ich versuchte, die Erinnerung mit einem weiteren Schluck kalten Kaffees wegzuspülen – keine Chance. Seit diesem Geständnis hatte ich mit meiner Schwester nicht mehr gesprochen. Vergeben war auch keine meiner Stärken.

Ich lenkte mich von den bitteren Erinnerungen ab, indem ich meine letzte Beziehung rekapitulierte. Als ich ihn damals, vor drei Jahren, angesprochen hatte, war er davon beeindruckt gewesen, dass ich auf ihn zugegangen war. Später liebte er meine Art, sexuell die Initiative zu ergreifen und meinen Ehrgeiz, der mich dazu trieb, ohne Pause zu arbeitete bis ein Projekt beendet war. Doch mit den Monaten verwandelten sich Bewunderung und Akzeptanz mehr und mehr in Unverständnis. „Kannst du nicht einfach zufrieden sein?“, hörte ich seine Stimme in meinem Gedächtnis. „Ich weiß, du bist hart mit dir selbst, aber würdest du mich damit in Ruhe lassen?“

Wieder seufzte ich. Die Botschaft war angekommen: „Härte ist nicht liebenswert.“ Die Sache war nur so, wenn ich meine Rüstung abgeben sollte, wer war dann mein Ritter, der mich vor den Drachen des Lebens beschützte? Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass Männer vor allem eines waren: feige. Daniel, der erste, hatte sich vor einer Aussprache unter dem Vorwand versteckt, es sei ohnehin alles klar. Max, meine Nummer zwei, ging eines Tages plötzlich verloren und seine Telefonnummer funktionierte nicht mehr. Wie ich diesen Mann verschreckt haben musste …

Phillip schickte eine Freundin, um mit mir Schluss zu machen. Immerhin hatte mein neuster Ex es geschafft, selbst aufzukreuzen und mir die gefürchteten Worte zu sagen. Was sich in diesen Geschichten deutlich zeigte: Männer flüchten vor jeder Herausforderung.

Wenn sie wüssten …

Denn wer glaubt, dass irgendein Mensch gerne hart ist, liegt falsch. Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als anschmiegsam und weich sein zu können.

Der Kellner unterbrach meine Gedanken und fragte, ob ich noch etwas bestellen wollte. „Nein“, knurrte ich, ohne aufzusehen. Er zog den Schwanz ein.

Gerne wäre ich eine sanftere Ausgabe meiner selbst. Doch dazu müsste ich mich auf irgendjemanden verlassen können, ohne sofort verlassen, verletzt, verarscht oder enttäuscht zu werden. Ich wollte nicht zu der Art Weibchen werden, die das Äquivalent zu impotenten Männern waren. Diese Männer bekamen ihn nicht hart und diese Frauen waren zu weich, um in einer Beziehung auf sich selbst aufzupassen. Somit ließen sie sich von vorne und hinten ausnützen, ohne sich zu ihrem eigenen Schutz aufzurichten und hart zu sein.

In meinen Tagträumen und in der Literatur gab es viele Männer, die Härte aushalten oder sie sogar überwinden konnten. Jeder der das Nibelungenlied kennt, sollte eigentlich wissen, dass man eine starke Frau (Brünhild) nur erobern kann, wenn man ihr seine eigene Stärke zeigt (Siegfried). Zu dem blutigen Ende wäre es nie gekommen, wenn Gunther ehrlich zu sich selbst gewesen wäre und sich eingestanden hätte, dass Brünhild zu stark für ihn war, und zwar bevor er sie überlistete und zu sich an den Hof holte. Brünhild war nicht zu hart für ihn, er war einfach zu schwach für sie.

Meine Tasse war leer.

10 Comments
  1. Ignotus W. James

    Januar 9 9:53

    Ich hatte heute Morgen das Glück bei meiner ersten Tasse Kaffee die Geschichte unterwegs zu lesen, wo ich sonst nur mit leerem Blick gesessen und schwarz-weiße Löcher in die Luft gestarrt hätte. Der Kaffee hat in Verbindung mit der Geschichte ironischer Weise das genau gegenteilige Gefühl zu dem hervorgerufen, das du beschreibst.
    Wie immer eine literarische Bereicherung für den Tag, freue mich auch mehr ^^

    • Effi Lind

      Januar 9 15:00

      Deine Texte lese ich hingegen gerne nachts, weil die Atmosphäre besser passt. Ich hoffe, heute kommt noch was. 😉

    • Ignotus W. James

      Januar 9 15:26

      Ich hatte ein kleines Attentat auf dich vor, etwas das ich schonmal gemacht habe, aber die Geschichte wird etwas länger und ich müsste sie heute Nacht schreiben, ich werd sehen was sich machen lässt damit du nicht warten musst ^^

    • Effi Lind

      Januar 9 15:28

      Attentat … ich bin mehr als gespannt und vielleicht ein Fitzelchen ängstlich.

    • Ignotus W. James

      Januar 9 21:28

      Okay bin jetzt dran 😉
      Btw die Kommentarsektion nervt tierisch. E-Mail?
      joshua.bodenstein@web.de

    • Effi Lind

      Januar 9 22:22

      Meine Email findest du unter Kontakt ;).

  2. Ignotus W. James

    Januar 9 17:07

    Nichts schlimmes, ist nur die Frage ob du dich eher darüber freust oder es als Guttenberg-Verschnitt ansiehst. Aber du wirst es ja sehen 🙂

  3. […] Hiermit möchte, wie im Titel schon erwähnt, einer Abonnentin meines Blogs danken. Wenn jemand diese Geschichte liest, möge er sich der Gerechtigkeit wegen auf ihre Geschichte “Das erigierte Herz” durchlesen, insofern er oder sie dies nicht schon getan hat (http://vademekum.at/?p=261).  […]

  4. […] hat mich dieser Blogpost. Er ist wirklich sehr offenherzig und emotional geschrieben und lässt den Leser mit der Autorin […]

  5. […] “Das erigierte Herz” durchlesen, insofern er oder sie dies nicht schon getan hat (http://vademekum.at/?p=261). Mit freundlichen Grüßen, Ignotus R. […]

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